Stillen, unkompliziert

Stillen und Beikost ohne Plan

von Anja

Dies ist der zweite Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Annika aus Aachen ihre Stillgeschichte erzählt.

Annika ist 36 Jahre alt, verheiratet und Mama von Moritz, bald 6 Jahre alt und Frieda, 15 Monate alt. Sie ist Soziologin und aktuell in Elternzeit. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern wohnen sie in der Nähe von Aachen. Sie liest gerne, geht gern ins Kino und hört gern Musik – „soweit die Theorie :)“, erklärt sie. „In der Praxis fahre ich mehrmals pro Woche zum Fussballplatz, helfe bei ausgeklügelten Lego-Konstruktionen, kenne alle Figuren aus Feuermann Sam und Ninjago und passe 24/7 auf, dass unser Babymädchen sich nicht von der Couch stürzt oder das Katzenfutter im ganzen Haus verteilt. Und die Bücher, die ich lese, ja darin kommen nur Bären, Affen, Papageien, Elefanten oder Schlüssel klauende Gorillas vor.“

Ihren Sohn Moritz hat sie acht Monate lang gestillt. Ihre Tochter Frieda stillt sie auch mit 15 Monaten noch, deshalb sind die meisten Fragen aus der jetzigen Stillzeit heraus beantwortet.

Geweigert, irgendeinen Stillplan auszufüllen

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Ich wusste, dass ich Frieda wieder stillen möchte, es war gar keine Frage für mich. Ich hatte auch stark in Erinnerung, wie praktisch das Stillen ist und wie innig diese Zeit mit Moritz war – und dass diese Babyzeit auch schnell vorbei geht. Erst stillt man gefühlt die ganze Nacht und den halben Tag und denkt manchmal, ich werde nie mehr einen Moment für mich haben. Und dann darf man plötzlich so gerade noch die Fußballtasche zum Sportplatz tragen. Und ich hatte natürlich einen Vorteil zum ersten Mal: Ich wusste, dass es klappt, dass ich stillen kann, wie es sich anfühlt zu stillen.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Ich hatte bei Frieda schon irgendwie immer im Kopf, acht Monate zu stillen, so wie bei Moritz damals – und dann gibt es ein Fläschchen. Gewünscht habe ich mir, dass ich diesmal etwas selbstbewusster beim Thema Stillen (nach Bedarf) bin. Gerade in den ersten Stunden nach Moritz Geburt hat mir die Krankenschwester damals einigen Druck gemacht (vier Stunden Abstand, heimlich zugefüttert im Babyzimmer, ihre Brust ist zu klein, da geben wir besser die Flasche…).

Da war ich diesmal ganz gut aufgestellt, hab mich sofort geweigert, irgendeinen Stillplan auszufüllen. Und dass meine kleine Brust prima ein Baby ernähren kann, das wusste ich ja nun schon. Frieda kam – genauso wie Moritz – gesund und mit einem guten Gewicht zur Welt und ich konnte in Ruhe in die Stillzeit starten.

Erfahrungen haben Stillstart sehr einfach gemacht

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und Deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Der Stillstart verlief gut. Die zweite Geburt war eine sehr schöne Geburt, eine große, starke Erfahrung für mich, die mich mit den leider nicht so schönen Erfahrungen der ersten Geburt ausgesöhnt hat. Ich habe mich sofort wieder sehr fit gefühlt und war diesem Baby sofort sehr verbunden. Das und meine Erfahrungen aus der ersten Stillzeit haben den Stillstart sehr einfach gemacht.

Als ich Frieda direkt nach der Geburt angelegt habe, hat sie nur geschrien. Da hatte ich kurz Sorge, dass ich sie nicht stillen kann. Moritz habe ich „nur“ mit Stillhütchen stillen können. Aber als ich sie etwas später in Ruhe an die Brust genommen habe, das war es ein bisschen so, als hätte ich nie aufgehört zu stillen, wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht.

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Die Tage rund um den Milcheinschuss waren schon hart. Die Brüste taten weh und eine Mamille war rundherum blutig und eingerissen. Meine Hebamme hatte zu der Zeit einen Kalt-Laser im Test und der hat mir wirklich sehr gut geholfen. Frieda hat so wie Moritz sehr unkompliziert gestillt von Anfang an. Das hat es uns sehr einfach gemacht.

Müde vom nächtlichen Stillen

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für Dich da? Wer oder was hat Dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Die größte Hilfe – neben der Hebamme – war mein Mann. Quark kaufen, Pads kühlen und aufwärmen, er hat mich beim Stillen immer unterstützt. Er hatte natürlich auch noch die Erinnerung an die erste Stillzeit. Der Schokovorrat war immer aufgefüllt, Stilltee kochen und alles zur Couch bringen, wenn wieder stundenlanges Dauerstillen angesagt war. Und sich auch geduldig anhören, wenn es mal nicht gut läuft, ich genervt gewesen bin vom Dauernuckeln, müde vom nächtlichen Stillen oder einfach müde vom ständigen „aneinander“ kleben mit dem Baby.

Manchmal hilft da ja ein offenes Ohr schon eine Menge. Die Mehrzahl meiner Freundinnen stillt oder hat gestillt und das ist auch ein wichtiger Support für mich, finde ich. Auch mein Hausarzt ist sehr fürs Stillen, so dass es bei nötigen Medikamenten nie Probleme gab, etwas Stillverträgliches verschrieben zu bekommen.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Mit neun Monaten gab es für Frieda die erste Banane. Sie war schon ein paar Wochen früher sichtlich interessiert an unserem Essen und wollte mitmachen. Ich hatte es diesmal aber nicht so eilig mit dem Start. Ich hatte das Chaos noch gut in Erinnerung und auch dass ein Abendbrei noch lange keine durchgeschlafene Nacht bedeutet. Ich habe den Beikostbeginn bewusst weit nach hinten geschoben und bis dahin ausschließlich gestillt.

Verunsichert durch strenge Beikostpläne

Außerdem haben wir uns diesmal ganz auf Finger Food eingestellt. Und davon bin ich wirklich begeistert! Mit dem Fingerfood bin ich leider beim Kinderarzt nicht auf so viel Verständnis gestossen und auch beim Per war ich damit der Exot. Schade, aber das ist so ein bisschen wie das Familienbett, irgendwie wird da oft noch so getan, als würde man das Baby damit einem großen Risiko aussetzen.

Das Stillen selber hat sich durch die Beikost nicht viel verändert. Es gab immer wieder Phasen, in den wurde mehr gegessen, an anderen Tagen wurde viel gestillt und an wieder anderen Tagen wurde viel gegessen und viel gestillt. Muttermilch geht halt immer. Diesmal hat mich das nicht so verrückt gemacht. Ich wusste ja, dass die Beikost doch nicht so nach Plan eingeführt werden kann, wie allgemein behauptet. Ich habe Frieda einfach machen lassen. Im Gegenteil, ich fand es so beruhigend zu wissen, mit der Muttermilch ist sie immer gut versorgt und der Rest ist zum Kennenlernen, Ausprobieren und Genießen. Das alles hab ich in der ersten Stillzeit noch nicht so gut gewusst. Damals haben mich diese strengen Beikostpläne doch stark verunsichert!

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Um den ersten Geburtstag habe ich unbewusst und bewusst viel über das Abstillen nachgedacht. Das Stillen unterwegs und in der Öffentlichkeit war plötzlich nicht mehr so entspannt wegen dem zappelnden, abgelenkten Baby, aber auch wegen der Blicke der Leute. Irgendwie hatte ich um diese Zeit herum das Gefühl, ich müsste jetzt auf Flasche umstellen. Als wäre der erste Geburtstags so eine Art Termin zum Abstillen. Nur so richtig war ich nicht dazu bereit.

Nächtliches Stillen ist unschlagbar praktisch

Ich habe weitergestillt, aber unterwegs mehr Alternativen angeboten. Banane, coole Trinkflasche vom großen Bruder, Brezel. Und nun stillen wir nur Zuhause oder bei Freunden, aber nicht mehr auf Spielplätzen oder im Zoo. Und aktuell denke ich gar nicht mehr über das Abstillen nach. Es ist so zu einem Alltagsritual geworden. Es ist nicht mehr die alleinige Nahrungsquelle, was mich Stück für Stück flexibler macht. Aber es gehört dazu und das ist schön. Ich hoffe, es bleibt uns noch ein bisschen erhalten.

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Es sind unbeschreibliche innige Momente, mit einem kleinen winzigen Neugeborenen, mit einem knuffigen Baby und mit einem kleinen Mädchen, das ein Stillkissen anschleppt, wenn ich nach Hause komme. Ich habe ja noch nie ein Kleinkind gestillt und ich muss sagen, das ist schön! Und oft auch echt witzig. Mit Apfelschnitz in der einen Hand stillen, plappern zwischen zwei Schlückchen – es ist oft sehr süß. Zu sehen, wie sie sich da neue Energie holt, ist etwas besonderes. Das Einschlafstillen und nächtliche Stillen ist unschlagbar praktisch. Und ganz ehrlich – auch für mich ist das Stillen oft eine gute Pause, ein kurzer oder längerer Moment Ruhe im Trubel mit zwei Kindern.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Diese Tage, an denen ich gefühlt nur gestillt habe. Diese Nächte, in denen das Baby dich jede halbe Stunde weckt. Ja, es gab Tage, an denen ich das Gefühl hatte, das Stillen zehrt an mir. Als Frieda ein halbes Jahr alt war, hatte ich einen schweren Magen-Darm-Infekt. Dabei weiter zu stillen habe ich als sehr hart empfunden und das geht an die Substanz.

Vielleicht endlich einmal abpumpen

Jetzt, nach 15 Monaten, ist Stillen so eine Art vertrauliches Thema geworden. Ich rede nicht mehr mit jedem darüber, dass ich (noch) stille, ich tue es einfach. Schade finde ich, dass es für Fragen zum Stillen nach dem ersten Lebensjahr nicht so viele Anlaufstellen und Informationen gibt. Da muss man schon gezielt im Netz suchen – ich lese dazu euren Blog, bei Geborgen Wachsen, Nora Imlau und Dr. Renz-Polster – oder frage den Kinderarzt. Und auch dass Stillmode oft nur Umstandsmode ist… irgendwann will man die ja nicht mehr tragen.

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Falls ich noch ein mal ein Baby stillen sollte, dann hoffe ich, es klappt noch einmal so unkompliziert. Vielleicht würde ich dann endlich einmal abpumpen, das habe ich mich bisher nämlich nie getraut.

Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Versucht es einfach. Vertraut auf euch und euer Baby. Und ein Kleinkind stillen ist nicht merkwürdig – das habe ich bis vor 15 Monaten selber noch gedacht. Im Gegenteil, es ist so schön und natürlich, wie ein Baby zu stillen.

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3 Kommentare

Lus 14. Februar 2019 - 10:17

Und wie wird das Stillen eines Kleinkindes gesellschaftsfähig? Indem wir es einfach machen, unterwegs, indiskret, selbstverständlich, mit einem ordentlichen Portion Mut – wie ganz am Anfang, als wir uns getraut haben unser kleines Baby das erste mal unterwegs zu stillen.

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Katharina 3. Oktober 2018 - 23:02

Kann mich da nur anschließen. Stille meine Maus auch noch, 14 Monate….. Und werde es so lange machen, wie wir beide es schön finden.. Toller Artikel.
Schade ist wirklich, daß bei der Geburt alle schreien, stillen ist das beste fürs Kind und ab einem Jahr wird man blöd angeschaut oder bekommt blöde Sprüche zu hören.
Ich mach es auch nur noch zu Hause

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Janine 3. Oktober 2018 - 20:51

Ein tolles Interview! Ich würde mir wünschen, dass stillen für Kinder ab einem Jahr endlich Gesellschaftsfähig wird.

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