Vätervorbilder

von Christian

Wenn ein Mann Vater wird, macht er sich wahrscheinlich nicht allzu viele tiefere Gedanken dazu. Das wird schon irgendwie laufen. Dann wird das Baby geboren und alles ändert sich. Alles – ob man nun will oder nicht. Erstaunlich plötzlich ist man in dieser Rolle, dass da dieser kleine Mensch ist, für den man nun der Vater ist, das erste große männliche Vorbild.

Ich habe meinen Vater als Wochenend- und Urlaubsvater in Erinnerung, in guter wohlgemerkt. Wir waren zusammen angeln und Motorboot fahren, damit konnten wir uns immer vergnügen. Dann starb meine Mutter, als ich zehn war. Und alles kippte. Mein Vater heiratete neu, das ging schief. Dann noch einmal, was für ihn funktionierte, aber leider nicht für mich. Unsere Wege trennten sich, weil er es geschehen ließ. Ich mochte mich nicht mehr den Launen seiner Frau aussetzen. Er wollte uns beide und nicht akzeptieren, dass ich nur ihn wollte. Vieles blieb auf der Strecke dadurch – und auch diese Vorbildnummer gehörte dazu.

Kinder und ihre Bedürfnisse sehen

Als ich Vater wurde, wurde ich, so rein familiär betrachtet, alleine Vater. Zum Glück hatte ich damals einen Freund, der heute noch einer ist und schon Kinder hatte, als ich Vater wurde. Im Rückblick hat er eine Menge guter Dinger getan, die ich mir einfach abgucken durfte. Im Alltag, im Urlaub, eigentlich immer.

Er hat vieles gemacht, was ich anfangs belächelt habe. Seine Kinder immer viel getragen zum Beispiel, in komischen Tüchern und eigenartigen Tragen. Später hat er für seine Kids viel Zeug durch die Gegend getragen: Fahrräder, Laufräder, gefühlt säckeweise Sandspielzeug und Bibliotheken voller Fußball- und Star-Wars-Sammelbilder.

Er hat sich einfach immer mit seinen Kindern und ihren Bedürfnissen beschäftigt. Hat sie durch die Luft geworfen und mit ihnen Schaukeln gebaut. Sie in den Schlaf gekuschelt oder ihr wütendes Schreien ertragen. Er hat sie immer ernst genommen, manchmal vielleicht etwas zu viel mit ihnen debattiert. Ich sehe mich als Vater heute manches Mal in diesem Mann.

Vätervorbild auf Augenhöhe

Und es ist aus heutiger Sicht so: Hätte es ihn nicht gegeben, dieses Vätervorbild auf Augenhöhe für mich, vielleicht wäre ich ein Vater wie mein eigener geworden. Einer, der die Arbeit oft vor seine Familie gestellt hätte, anstatt zu schauen, wie man glücklich nicht zu viel arbeitet und möglichst jeden Tag seine Kinder sieht und ins Bett bringt (jobbedingte Reisen und solche Dinge mal ausgenommen natürlich).

Natürlich ist man immer ein Mensch seiner Zeit, aber ich kann nicht sagen, dass mein eigener Vater heute wie ein gutes Vorbild wirkt. Eine Sache allerdings hat er wirklich gut gemacht: Mir Freiheiten gelassen, viele davon und manchmal situativ gesehen sicher auch notgedrungen. Aber er hat Vertrauen gehabt, was ich hoffentlich nicht zu viel missbraucht habe.

Aber mein wesentliches Vätervorbild war dieser eine Freund – und ich habe da wohl einfach Glück gehabt. Nun lebt er in Australien. Mit seiner Frau und vier Kindern, ein großes Start-Up-Abenteuer. Er wird das wuppen, da bin ich sicher. Und weiter ein guter Vater sein. Einer, der für seine Kinder da ist und dafür lieber nachts von 21 bis 03 Uhr den Code für seine Webseiten schreibt. Für mich so ganz persönlich ist es natürlich schade, sehr sogar. Er sitzt auf der andere Seite des Erdballs, verdammt viele Flugstunden entfernt. Aber es wird schon gehen: Mittlerweile bin ich nämlich selbst ein ganz guter Vater geworden. Finde ich.

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6 Kommentare

ann-ka 6. Oktober 2014 - 23:14

vielen dank für diesen wundervollen, sehr persönlichen text.
lieb, ann-ka

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Ulrike 5. Oktober 2014 - 22:04

Ein toller Text den hoffentlich viele Väter lesen werden! Mein Mann musste leider auch ohne Vorbilder durch Versuch und Irrtum seinen eigenen Vaterweg finden. Was ihm aber meiner Ansicht nach großartig gelungen ist <3

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Saphira 1. Oktober 2014 - 15:16

Lieber Kris, da ich denke, dies nach nun schon mehr als 5 gemeinsamen „Kinderjahren“ recht gut beurteilen zu können: Ja du bist ein wundervoller Papa, obwohl du manchmal zuviel debattierst (wer tut das nicht???)!!! Schön das mein Mann einen ebenso tollen Vorbilds-Freund hat, wie du ihn in deinem Artikel beschreibst…. Thanks for sharing!

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Hawwedampknopp 1. Oktober 2014 - 14:39

Ich, Vater eines 2 jährigen Sohnes kann hier nachfrühlen. Ich selbst bin Scheidungskind, und hatte nie wirklich einen Vater als Vorbild. Musste sogar sehr früh für meine kleine Schwester sorgen und meine Mutter unterstützen. Meine Väter, waren beide keine großen Vorbilder. Zumindestens nicht, wenns um Erzihenung geht. Deshalb frage ich mich oft, woher weiß ich eigentlich, was richtig, und was falsch ist.

Bisher entwickelt sich mein Sohn zu einem glücklichem und cleveren Burschen. Er freut sich, wenn ich Abends heim komme, und geniest hoffentlich wie ich, das ins Bett gebracht werden.
Ich denke ich habe viel an Negativbeispielen gelernt, und eventuell viel Input aus der Familie meiner Frau gelernt. Bevor ich meine Frau vor 18 Jahren kennengelernt habe, war für mich als 16jähriger Familie ein idealistisches Konzept, das in der Wirklichkeit nicht stattfindet. Dort habe ich gelernt, es gibt Familienzusammenhalt, Harmonie und Verwandtschaftsgrade die ich heute noch nicht ganz kapiert habe 🙂

Ich versuche meinem Sohn so viel Zeit wie möglich zu widmen. Auch wenn ich gerne mal etwas Zeit für mich hätte, finde ich, momentan hat er meine Zeit mehr verdient. Sehr rasch wird die Zeit kommen, wo er andere Interessen haben wird als mit seinem Papa rumzutoben. Wir haben schon vor der geburt entschieden, die Erziehung unserem Verstand und Bauchgefühl zu überlassen. Ratgeber, und zu ambitionierte Tipps der anderen Generation übergehen wir gerne.
Wir versuchen etwas, und beobachten die Reaktion…. fast schon wissenschaftlich 🙂

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Kaiserin 1. Oktober 2014 - 11:10

Lieber Christian, vielen Dank für diesen Text. Ich hab jetzt echt ein Tränchen im Auge. Vielleicht, weil es für mich mehr ist als irgendein Text von irgendeinem Vater im Netz. Danke für die Offenheit jedenfalls. Eure Kinder sind echt nicht von schlechten Eltern! Alles Liebe & bis bald, Mareice

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Rotezora 1. Oktober 2014 - 10:27

Schön geschrieben und doch so traurig…

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