Entbindungspfleger

Warum Hebammen keine Entbindungspfleger sind

von Anja

Gestern hat das Bundesministerium für Gesundheit den Referentenentwurf für das „Gesetz zur Reform der Hebammenausbildung“ vorgelegt. Darin geht es primär darum, dass die längst überfällige Überführung der Hebammenausbildung an die Hochschulen nun konkretisiert wird. Ob es dadurch zukünftig mehr Hebammen gibt, wird sich zeigen. Aber Deutschland war das EU-Schlusslicht bei den geforderten Ausbildungsbedingungen der Europäischen Union sowie den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese besagen im Kern, dass Hebammen wissenschaftlich, also hochschulisch, ausgebildet werden sollen.

Ein kleiner und feiner Punkt dieses Gesetzesentwurfs wird es sein, dass die männliche Berufsbezeichnung „Entbindungspfleger“ abgeschafft wird. Und das freut mich wie bestimmt viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Denn diese Berufsbezeichnung wird unserem Beruf so gar nicht gerecht. Genau wie das Wort Entbindung nicht der passende Begriff für eine Geburt ist.

Frauen gebären selbst. Sie sollten nicht durch andere Menschen entbunden werden. Unterstützung kann im Geburtsverlauf erforderlich und sinnvoll sein. Dennoch spielt die Mutter keine passive Rolle bei der Geburt. Und nein, auch nicht bei einem Kaiserschnitt. Es ist immer die Mutter, die sich auf den Geburtsverlauf einlassen muss – egal welchen Weg das Baby dabei nehmen wird. Eine Mutter muss alle Emotionen der Geburt und auch alle körperlichen Prozesse dabei, davor oder danach bewältigen. Mütter gebären ihre Kinder, ob nun mit oder ohne operative Unterstützung oder sonstige Hilfe. Geburtshelfer helfen bei Bedarf, aber sie entbinden eben keine Frau von ihrem Baby.

Bindung fördern statt entbinden

In der Hebammenarbeit spielt die Begleitung des Bindungsaufbaus zwischen den Eltern und ihrem Kind eine wichtige Rolle. Auch in diesem Kontext empfinde ich das Wort Entbindung als sehr unpassend. In der bisherigen männlichen Berufsbezeichnung folgte dem Wort Entbindung dann gleich noch die Pflege. Ein Wort, was gesellschaftlich primär mit der Versorgung von kranken oder hilfebedürftigen Menschen verknüpft ist. Doch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind physiologische Vorgänge und bedürfen in der Regel keiner Pflege oder Therapie. Beide Begriffe drängen (werdende) Mütter in eine passive und wenig selbstbestimmte Rolle.

Eigentlich sind dies schon genug Gründe, das Wort endgültig abzuschaffen. Doch ein weiterer Kritikpunkt macht die Abschaffung zusätzlich dringend notwendig. Die Geburtshilfe ist ein Aspekt der Hebammenarbeit. Doch genauso gehören die Schwangerschaft, das Wochenbett, die Baby- und Stillzeit mit in den Kompetenzbereich der Hebamme. Auch Beratung zu den Themen Kinderwunsch und Verhütung sowie weiterführende Tätigkeiten etwa der Arbeit einer Familienhebamme gehören mit zum umfangreichen Spektrum der Hebammenarbeit.

Werden dem „Entbindungspfleger“ die dafür erforderlichen Kompetenzen einfach abgesprochen? Männliche Hebammen werden an dieser Stelle tatsächlich diskriminiert. Auch deshalb hat sich ein männlicher Kollege hier in Berlin bereits lange vor diesem Gesetzesentwurf immer Hebamme genannt. Völlig zu Recht – schließlich begleitet auch er allumfassend Frauen und Familien vor, während und nach der Geburt.

Hebammen werden zukünftig also einfach Hebammen sein, egal, welchem Geschlecht sie angehören. Der Gesetzgeber folgt damit zum Glück den Argumenten des Berufsverbandes. Denn die Bezeichnung „Entbindungspfleger“ gibt ein falsches und eingeschränktes Bild der Hebammenarbeit ab. Schön, wenn dieses Wort demnächst in den vielen Stellenanzeigen so nicht mehr auftauchen wird. Und noch schöner wäre es, wenn es diese vielen Stellenanzeigen bald nicht mehr geben würde. Weil es genug Hebammen gibt, die unter guten Arbeitsbedingungen ihren Beruf in allen Facetten ausüben können.

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1 Kommentar

Veronika 25. März 2019 - 08:49

Liebe Anja, das hast Du wie immer sehr gut und treffend geschrieben.
LG aus der Schweiz, Veronika

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