Wochenbettbesuch

Wochenbettwissen: Besuch im Wochenbett

von Anja

Das Thema Besuch im Wochenbett ist eines, über das man sich als Eltern am besten schon vor der Geburt austauscht. Denn schon dann stoßen da womöglich verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Wenn das Baby erst einmal da ist, wird es allerdings meist eher komplizierter, eine Lösung zu finden. Die ersten Wochen werden auch gerne als „Babyflitterwochen“ bezeichnet. Es ist eine intime Zeit, in der sich die meisten Paare eher für sich zurückziehen. Eine Zeit, in der man sich gutes tun und das Ereignis Geburt feiern sollte. 

Aber im Gegensatz zu den herkömmlichen Flitterwochen ist das Wochenbett von zahlreichen Umstellungs- und Regerationsprozessen gekennzeichnet. Zwischen dem Verlieben ins Baby und dem gleichzeitig deutlich spürbaren Verantwortungsdruck kommen noch viele andere Gefühle auf. Schwangerschaft und Geburt wollen entsprechend verarbeitet werden – je nach Verlauf von beidem eine nicht immer leichte Aufgabe. Das gilt für Mutter und Vater.

Unterstützung können frisch geborene Eltern sicherlich gut gebrauchen. Aber Besuch bedeutet eben nicht immer gleichzeitig auch eine den jeweiligen Bedürfnissen entsprechende Hilfe. Im Ausnahmezustand Wochenbett kann Besuch sehr unterschiedliche Effekte haben. Von nährend und stärkend bis zu emotional hoch belastend habe ich in meinem Hebammenalltag sämtliche Auswirkungen erlebt. 

Schwiegermuttermilchstau oder wunderbarer Besuch

Auch darum spreche ich gerne vom „Schwiegermuttermilchstau“, wenn der Milchstau oder andere Beschwerden als Ausdruck einer seelischen und oft auch körperlichen Überlastung kurz nach Abreise des Besuchs auftreten. Oder auch schon während der Besuch noch anwesend ist.

Aber keine Frage: Es gibt ebenso wunderbare Besuchsszenarien, in denen Mütter, Schwiegermütter, Väter, Geschwister oder Freunde das Wochenbett mit ihrer Präsenz und ihrer Unterstützung sehr bereichern. Ein generelles „Besuchsverbot“ ist also eine ebenso schlechte Idee wie alle möglichen Leute jederzeit vorbeikommen zu lassen. Um zu einem persönlich passenden Umgang mit dem Thema „Besuch im Wochenbett“ zu finden, folgen ein paar Gedankenanstöße.

  • Wenn Besuch in den ersten Tagen nach einer Geburt gar nicht anders planbar ist, sollte dieser lieber am ersten oder zweiten Tag vorbeikommen. Denn ungefähr ab dem dritten Tag machen sich das Ingangkommen der Laktation, der Hormonabfall postpartum und mittlerweile auch das häufig stark veränderte Schlafverhalten von Eltern bemerkbar. Bei einer Klinikgeburt steht oft an diesem Tag auch noch die Entlassung mit der U-Untersuchung des Babys und der Abschlussuntersuchung der Mutter an. Dieser Tag ist ohnehin schon aufregend genug – auch ganz ohne Besuch.
  • Eingeschränkte Besuchszeiten auf Wochenbettstationen sind keine Gängelei der Wöchnerinnen, sondern sollen zumindest etwas Ruhe und Rückzug ermöglichen. Denn natürlich kommt im Zwei- oder Dreibettzimmer nicht nur der eigene Besuch, sondern auch der der Bettnachbarin. Für das andere Elternteil und die Geschwister gibt es oft gesonderte, großzügigere Besuchszeiten. Ein Einzelzimmer und noch besser ein Familienzimmer, so dass der Partner mit dableiben, sind natürlich am idealsten. Aber diese sind immer nur eingeschränkt verfügbar. Vielleicht ist dies auch ein Argument für eine ambulante Geburt?
  • Auch der Besuch zu Hause sollte vorab schon organisiert sein. Spontanes Vorbeikommen finden die wenigstens Eltern besonders prickelnd. Und selbst wenn ihr vorab angekündigt habt, dass ein Besuch am ersten, fünften oder zehnten Wochenbetttag okay ist, nehmt euch die Freiheit, dies je nach Befinden neu zu entscheiden. Hier stehen ganz klar eure aktuellen Befindlichkeiten im Vordergrund. Menschen, die euch unterstützen wollen, werden das verstehen.
  • Es ist manchmal nicht einfach, das richtige Maß Besuch im Wochenbett zu finden. Schließlich sind ja alle Leute, die euch besuchen möchten, nicht mit schlechten Absichten unterwegs. Sie freuen sich einfach ebenso sehr über das kleine, gerade geborene Kind. Doch dabei werden die Bedürfnisse der Wöchnerin manchmal übersehen. Im Grunde ist es eigentlich so einfach: Will man dem Baby etwas Gutes tun, muss man nur der Mutter bzw. den Eltern etwas Gutes tun. Und was gerade gut tut, wissen die selbst am besten.
  • Überlegt vorab, wie der ideale Besucher im Wochenbett für euch aussehen würde: Der Idealbesucher sollte sich auf jeden Fall vorab erkundigen, ob und wann es passt. Und euch versichern, dass es nicht schlimm ist, wenn etwas dazwischen kommt und ihr den geplanten Besuch kurzfristig verschieben oder absagen müsst. Anstrengende Nächte oder Stillprobleme lassen sich nicht im Voraus erahnen. Der Idealbesucher ist flexibel.
  • Besucher sollten idealerweise nicht mit leeren Händen kommen. Und nein, damit ist nicht der zehnte zu kleine oder zu große oder zu hässliche Strampler und auch nicht die fünfte Spieluhr gemeint. Lieber hat der Idealbesucher etwas gutes zu essen dabei – gerne auch in größerer Portion für den nächsten Tag oder das Eisfach. Wenn Geschenke mitgebracht werden, dann gerne etwas, was der Mutter gut tut. Mögliche Geschenkideen fürs Wochenbett findest Du hier.
  • Der Idealbesucher ist nicht erkältet oder anderweitig krank und wäscht sich die Hände, wenn er herein kommt. Ob eigene Kinder mitgebracht werden, sollte vorab gut besprochen werden – gerade wenn dieses Baby euer erstes Kind ist. Wer Dein Baby anfasst oder auf den Arm nimmt, entscheiden allein die Eltern. Es ist genauso okay, das Baby von Herzen den Großeltern, Freunden oder Paten in den Arm zu legen wie das Gegenteil davon. Manche Mütter möchten ihr Kind eben nicht in den ersten Tagen einfach von jedem Besucher anfassen lassen. Das Bauchgefühl wird euch sagen, was richtig ist. Und ungefragt sollte sich ohnehin niemand ein Baby „schnappen“.
  • Beim Besuch im Wochenbett ist weniger oft mehr – das gilt auch für die Besuchsdauer. Mutter und Kind sollten sich zudem immer zum Schlafen oder Stillen zurück ziehen können. Als Wöchnerin darfst du selbstverständlich ungeschminkt und im Bademantel die Tür aufmachen. Du entscheidest auch, ob und wie viel du von deiner Geburt erzählen möchte.
  • Schützt euch vor unerbetenen schlauen Tipps („Diese Tücher haben wir ja damals auch nicht gebraucht“ / „In unsere Familie haben alle zu wenig Muttermilch“ / „Willst du jedes Mal aufspringen, wenn das Baby einen Pieps macht?“) und negativen Kommentaren. Positive bestärkende Kommentare oder aufrichtiges Interesse an eurem Weg als Eltern hingegen sind willkommen. Achte hierbei besonders gut auf dich als Mutter, denn direkt nach der Geburt sind wir schnell zu verunsichern und leicht stressbar. Denn wir sind ja gerade erst dabei, den für uns richtigen Weg zu finden.
  • Wenn du schon Kinder hast, wird sich auch das Thema Besuch in jedem weiteren Wochenbett verändern. Oft nehmen sich die Wöchnerinnen dann noch mal bewusster ihr Recht auf eine möglichst stressfreie Erholungszeit. Denn sie wissen, wie schnell der Alltag sie mit nun mehreren Kindern wieder einholen wird. Großeltern sind in den meisten Fällen vom größeren Enkelkind belegt. Es bleibt also an dieser Stelle weniger Zeit für mögliche schlaue und ungebetene Tipps. Auch Freunde bleiben eher kurz und drehen dann vielleicht noch mal eine Spielplatzrunde mit dem großen Geschwisterchen. Vor allem aber weiß man noch besser einzuschätzen, was einem gerade gut tut und was eher nicht.

Besuch im Wochenbett kann eine wunderbare und wertvolle Ressource sein – oder eben ein großer Stressfaktor. Oft liegt es daran, dass gesellschaftlich nicht genug bekannt und anerkannt ist, was Frauen in dieser Zeit leisten. Das Baby steht meist im Fokus, die emotionalen und körperlichen Herausforderungen der Mutter im Hintergrund. Schließlich hat sie doch die Schwangerschaft und Geburt schon „geschafft“. Dass das Mutterwerden aber darüber hinaus einen guten und geschützten Rahmen braucht, wird oft übersehen.

Ja, es ist auch wichtig die Bedürfnisse des Kindes zu sehen. Aber die Bedürfnisse der Mutter bzw. der Eltern sind ebenso relevant für einen guten Start ins Familienleben. Das „Bemuttern der Mutter“ im Wochenbett wirkt sich auf vielen Ebenen positiv aus. Ein Besuch im Wochenbett ist ein Privileg, das die Chance bietet, einer neugeborenen Familie etwas Gutes zu tun.

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1 Kommentar

Josi 20. August 2019 - 18:37

Danke für diesen Artikel! Er fasst die Bedürfnisse neugeborener Eltern sehr gut zusammen. Ich möchte demnächst mit einer Wochenbettbegleitung beginnen, um Familien zu helfen, die keine Hebamme dafür finden konnten. Und ich sehe es genauso wie du: es ist ein Privileg, dabei zu sein, wenn eine Familie im Wochenbett langsam zusammen wächst. So sollte es jeder sehen, achtsam und dankbar.

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