Eltern im Beikostwahn - und das Kind ist satt

Eltern im Beikostwahn – und das Kind ist satt

In der Regel habe ich es bei meiner Arbeit mit intelligenten, gut ausgebildeten Eltern zu tun, die sich auch meist mit dem Thema Ernährung gut auskennen. Es wird saisonal, regional und bio gekauft und das Ganze dann auch noch selbst gekocht. Doch trotzdem passiert häufig etwas Merkwürdiges, wenn sich der Nachwuchs ungefähr der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres nähert. Wo Mütter mittlerweile sonst in allen Bereichen wissen, dass sich Kinder in einem ganz unterschiedlichen individuellen Tempo entwickeln, wird auf einmal genau geschaut, wie viel Brei Klein-Charlotte aus der Krabbelgruppe schon verputzt.

Und wenn sich das eigene Kind dann nicht an irgendwelche Beikostpläne hält, deren Herausgeber übrigens gerne Hersteller von Babykost sind, spielen sich mitunter dramatische Szenen ab. Da werden sieben Monate alte Kinder in Rückenlage gefüttert, denn schließlich haben sie ja so gar keine andere Chance, als das breiige Zeug zu schlucken. Babys werden mit dem Handy abgelenkt, um ihnen schnell irgendwas in den Mund zu stopfen. Auf Youtube kursiert das Video eines Vaters, der versucht, sein schreiendes und deutlich Ablehnung signalisierendes Baby zu füttern. Wenn er dann auf seinem Laptop ein Musikvideo laufen lässt, bekommt das mit offenem Mund staunende Baby in rasendem Tempo das Essen einverleibt. Diese Szenen wiederholen sich mehrmals und der Clip wird auch noch wohlwollend kommentiert.

Ist es das, was Eltern wollen? Ein Kind, das sich kommentarlos vor der Glotze irgendwelches Essen in den Mund schiebt, ohne seine eigene Sättigung oder Abneigung wahrnehmen zu können? Warum verfolgen Mütter (ja, die Väter sind hier zurückhaltender) ihre Kinder mit Äpfelschnitzchen und Dinkelstangen auf dem Spielplatz, als ob es schon morgen nichts zu essen mehr gäbe?

Urangst der Eltern, dass der eigene Nachwuchs verhungern könnte

Wir müssen wohl ein wenig zurückschauen, um dieses merkwürdige Verhalten nachvollziehen zu können. Als Kinder von Eltern, die in Nachkriegsjahren vielleicht noch wirklichen Nahrungsmangel erlebt haben, sind wir häufig mit einem gewissen Druck beim Essen groß geworden. Den Löffel für die Oma, als Flugzeug getarnt (kann man mittlerweile so kaufen) oder das Konzept des Sonnenscheins aufgrund eines leer gegessenen Tellers, kennen wohl viele von uns. Heute ist die Herausforderung eher, bei unserem Überangebot an (zum Teil sehr schlechter) Nahrung herauszufinden, was und wie viel davon der Körper wirklich braucht. Durch Zwang in der frühen Kindheit können tatsächlich schon Grundlagen für spätere Essstörungen gelegt werden. Viele kennen diese Besuche bei den eigenen Eltern, bei denen man sich von Mahlzeit zu Mahlzeit schleppt und mit mindestens zwei Kilo mehr wieder nach Hause reist. Die Urangst von Eltern ist groß, dass der eigene Nachwuchs verhungern könnte. Sie ist aber in den meisten Fällen unbegründet.

Das Stillen nach Bedarf das Beste ist, hat sich glücklicherweise mittlerweile fast überall herumgesprochen. Und selbst Prenahrung soll individuell nach Babys Bedarf gegeben werden. Warum wird den Kindern mit Beikostbeginn plötzlich nicht mehr zugetraut zu wissen, was sie benötigen? Und zwar für jedes Kind zu jedem Zeitpunkt ganz individuell?
Selbst Fachleute scheinen da manchmal Ausfälle zu haben. Wie erklärt sich sonst die Empfehlung eines eigentlich kompetenten Kinderarztes, das Kind täglich mit Kuchen zu füttern? Besagtes Kind mochte im Alter von acht Monaten noch keine Beikost, hatte aber mal aus Versehen ein Stück runtergefallenen Kuchen probiert und geschluckt…

Ein Baby hat nicht immer gleich viel Hunger

Eltern machen also manchmal sehr merkwürdige Dinge, wenn es um das Thema Beikost geht. Aber vor allem machen sie so sich und den Kindern Stress. Dabei ist Essen etwas Schönes, Wohltuendes und an sich Gesundes. So sollte es auch für die Kinder sein, die im ersten Lebensjahr nun mal Säuglinge heißen, weil die Muttermilch ihre Hauptnahrung ist. Beikost ergänzt die Milchnahrung nur. Und zwar nach und nach… bei manchen Kindern schneller und bei manchen wesentlich langsamer. Wenn das Baby also weiterhin nach seinen Bedürfnissen stillen darf oder Prenahrung erhält, gibt es keinen Grund sich zu stressen. Das Kind wird Hunger und Sättigung anzeigen – man muss „nur“ auf die Signale des Babys achten. Genau wie wir „Großen“ wird auch ein Baby nicht jeden Tag zur gleichen Zeit immer gleich viel Hunger haben. Herr Hipp meint aber zu wissen, dass 190 Gramm Brei pro Mahlzeit in Babys Bauch verschwinden sollen.

In der frühen Kindheit werden durch das Respektieren der kindlichen Signale die Grundlagen für ein gesundes Essverhalten gelegt. Man sollte den Kindern vertrauen, denn sie wissen, was sie brauchen. Oder kurz gesagt: Ein gesundes Kind wird nicht am gedeckten Tisch verhungern, auch wenn es mal weniger Lust zum Essen hat. Wer sich trotzdem Sorgen machst, kann sich gerne mit seinen Fragen an die Hebamme wenden.

Ein paar Anregungen für einen entspannten Beikoststart habe ich mal zusammengefasst.

  • Ungefähr mit sechs Monaten zeigen Babys die ersten Beikostreifezeichen:
    der Zungenstoßreflex, mit dem es automatisch feste Nahrung oder einen Löffel aus dem Mund schiebt, ist verschwunden
    – es kann mit wenig Unterstützung aufrecht sitzen und hat eine gute Kopfkontrolle
    – es kann selbständig Nahrung aufnehmen und in den Mund stecken
    – es kann seine Sättigung durch Ablehnung der angebotenen Nahrung anzeigen
    Die Tatsache, dass ein Baby interessiert beim Essen zuschaut, reicht nicht als Beikostreifezeichen. Kinder in dem Alter interessieren sich für alles und würden genauso aufmerksam schauen, wenn die Eltern auf einer Schuhsohle herum kauen. Babys bringen dieses Interesse noch nicht mit Sättigung in Verbindung. Einige wenige Kinder sind auch schon mit fünf Monaten beikostbereit, andere lassen sich länger Zeit. Vor dem 5. Lebensmonat sollte aber auf keinen Fall etwas anderes als Muttermilch oder Prenahrung angeboten werden. Ungefähr im 7. Lebensmonat sollte auch noch bis dahin uninteressierten Kindern zumindest ein Angebot gemacht werden. Die Beikostreife ist individuell und lässt sich nicht exakt für jedes Baby vorhersagen.
  • Viele Hebammen bieten Beikostberatung an. Bis zum Ende der Stillzeit bzw. bei nicht gestillten Kindern bis zum Ende des 9. Lebensmonats wird die Beratung bei Still- und Ernährungsfragen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
  • Beikost heißt so, weil sie erst einmal BEIgegeben wird und die bisherige Milchnahrung ergänzt und nicht ersetzt, wie man häufig hört. Das heißt, das Baby soll in seinem ganz individuellen Tempo andere Kost kennen lernen und nicht ein bestimmte Menge zu einem bestimmten Zeitpunkt essen müssen. Diese Erwartungshaltung, wie sie feste Breifahrpläne suggerieren, bringt nur Stress in eine eigentlich schöne Sache. Essen lernen ist kein Erziehungsfeld. Eine einfach Regel besagt: Die Eltern bestimmen, was auf den Tisch kommt – und das Baby bestimmt, ob und wie viel es davon nimmt.
  • Die Muttermilch enthält nach wie vor alle Nährstoffe, die ein Baby braucht und die wichtigen Immunstoffe steigen im zweiten Lebenshalbjahr sogar noch mal an. Beikost geben heißt also auch nicht, dass eine Mutter in kurzer Zeit abgestillt haben wird. Wenn das der Wunsch ist, muss die Muttermilch durch Prenahrung ersetzt werden, da alles andere nur Mutter und Kind gewaltig unter Druck setzen würde.
  • Zu Beginn kann man dem Kind einfach zwei, drei mal am Tag eine kleine Menge anbieten – entweder ein paar Löffelchen Brei oder auch Fingerfood in Form von gedünsteten Gemüse- oder Obststücken. Am besten immer dann, wenn die restliche Familie auch isst. Kinder schauen beim Essen genau hin, was die Eltern (und/oder Geschwister) machen und lernen dadurch. Für die ersten Beikostversuche sollte ein Baby weder müde noch hungrig sein, denn es weiß ja noch nicht, das dieses unbekannte, aber spannende „Zeug“ zukünftig sättigen soll. Wenn das Baby zahnt oder krank ist, wird es auch tageweise immer wieder gänzlich uninteressiert an anderer Nahrung sein – auch das ist ganz normal.
  • Wo früher nur wenige einzeln und sehr langsam eingeführte Lebensmittel erlaubt waren, weiß man heute, dass ein breites gesundes Angebot am besten vor Allergien schützt. Dabei kommt es aber nicht auf die Menge an. Die 2009 veröffentlichen S3-Leitlinien zur Allergiepräventionen haben die Beikosteinführung sehr vereinfacht. Ideal ist es, wenn die neuen Lebensmittel unter dem „Schutz des Stillens“ eingeführt werden. Es gibt nur wenige „verbotene“ Lebensmittel im ersten Lebensjahr. Auch Fisch, Ei und Vollmilch (bis zu 200 ml täglich in Form von Milchbrei-oder speisen, Käse etc.) sind erlaubt. Verzichtet werden sollte im ersten Lebensjahr auf:
    – Rohmilch
    – rohe Eier
    – Honig
    – Salz (im Kochwasser ist Salz erlaubt)
    – Salat (kann noch nicht gekaut werden)
    – unverarbeitete Nüsse, kleine Beeren (Gefahr des Verschluckens)
    – Zuckerzusätze (Maltose, Dextrose, Fructose, Maltodextrin, …)
    – Bindemittel und Geschmacksstoffe (bei Gläschenkost beachten)
    – Schokolade und Kakao
  • Generell sollte das Essen, was dem Kind angeboten wird, frisch, vollwertig und gesund sein, aber auch zur jeweiligen Familie passen. Wenn also weder Mama noch Papa Pastinaken mögen, ist es unlogisch, diese dem Kind anzubieten. Das Ziel der Beikost ist es ja, dass das Kind spätestens ab dem ersten Geburtstag vom Familientisch mitisst und nicht jahrelang ein Extraessen zubereitet wird. Also überprüft mal, was so auf so auf dem eigenen Teller liegt. Die Beikostphase ist auch immer eine gute Gelegenheit, das eigene Essverhalten zu optimieren und sich an das Kochen mit frischen Zutaten zu wagen. Für den Beikoststart haben sich gedünstete Gemüsesorten wie z.B. Kürbis oder Karotte bewährt. Die so schonend gegarten Stücke können als pommesgroßes, gut zu greifendes Fingerfood oder als Brei gegeben werden. Kinder, die keinen Brei und keine Löffelfütterung akzeptieren, essen meist begeistert selbst Fingerfood. Dabei wird gleichzeitig die Feinmotorik des Babys bestens trainiert. Geschickt wird es kleine Mengen in seinen Mund befördern. Geeignete breifreie Beikost kann auch von Anfang an gegeben werden, wenn das Kind die entsprechenden Beikostreifezeichen aufweist.
    Hier eine grobe Orientierung über geeignete Beikost. Diese Auflistung soll aber nicht die individuelle Beikostberatung ersetzen.
    Ab ca. 6 – 7 Monaten:
    gekochtes Gemüse (evtl. püriert), Kartoffeln, Fleisch (Kalb, Rind, Geflügel), Fisch (ohne Gräten), gekochtes Eigelb, Getreideflocken oder Getreidegrieß (möglichst Vollkorn), gedünstetes Obst (möglichst einheimische Sorten)
    – zum Verdünnen eignen sich Muttermilch, Wasser, Gemüsesud
    – die Lebensmittel sollten am besten gedünstet oder in Dampf gegart werden, braten,
    frittieren oder grillen ist eher nicht empfehlenswert
    – Gemüse soll stets mit einer Fettmenge zusammen verarbeitet werden, um die Verwertung der fettlöslichen Vitamine zu fördern. Geeignet sind gut verträgliche Öle in Bioqualität, z.B. Maiskeimöl, Rapsöl, Sonnenblumenöl auch im Wechsel mit Butter.
    – um die Eisenaufnahme aus dem Gemüse optimal zu unterstützen, ist es sinnvoll, im Anschluss an die Gemüsemahlzeit immer noch einen Löffel Obst als „Nachtisch“ anzubieten oder den Brei mit einem Schuss Orangensaft zu ergänzen.Eine vegetarische Baby-und Kleindkindernährung ist gut möglich.
    Ab ca. 8 Monaten:
    – Gemüse nicht mehr pürieren, evtl. zerdrücken
    – Teigwaren, Brot, Dinkelstangen, Zwieback (ohne Zucker)
    – als Brotaufstrich eignet sich Frischkäse (auch Ziege), Avocado, Banane, Gurke
    – Reis (sehr weich kochen, evtl. „parboiled“), Nudeln
    – rohes Obst und Naturjoghurt, ungesüßt
    Gegen Ende des ersten Lebensjahres: Umstellung auf eine leichte, evtl. weiche, nicht zu stark gewürzte Familienkost
  • Mit Beikostbeginn sollte auch Trinken in Form von Wasser angeboten werden. Die Hauptmenge an Flüssigkeit wird ein Baby weiterhin aus der Milch beziehen. Mit etwas Unterstützung können Babys aus einem ganz normalen Becher oder einem Glas trinken. Leitungswasser ist in Deutschland von guter Qualität und wird ständig kontrolliert. Spezielle Babywässer sind also nicht erforderlich und qualitativ nicht besser, aber wesentlich teurer. Babys brauchen keine Säfte und keinen Tee. Natürlich kann bei Bauchweh auch mal eine Tasse Fencheltee gegeben werden, aber Kräutertees sollten aufgrund ihrer Arzneiwirkung nicht im Dauergebrauch verwendet werden. Bei einer ausgewogenen Ernährung der Kinder mit ausreichend Obst und Gemüse sind Säfte überflüssig und sollten nur in Ausnahmefällen zu den Hauptmahlzeiten gereicht werden.
  • Das Wichtigste sind Zeit, Geduld und Freude an der gemeinsamen Mahlzeit. Eine vielseitige, abwechslungsreiche Kost bekommt der ganzen Familie am besten. Verwendet frische und möglichst unverarbeitete Lebensmittel, da diese umso mehr Nährstoffe enthalten. Generell sind regionale und saisonale Produkte zu bevorzugen. Diese sind auch in Bioqualität bezahlbar. Vollkornprodukte sind wertvoller als Auszugsmehlprodukte. Das Ganze mit Liebe gekocht – guten Appetit!