Babyboom oder geburtshilfliche Unterversorgung?

von Anja

In den letzten Tagen und Wochen war in vielen Berliner Tageszeitungen und anderen Medien zu lesen, dass in der Hauptstadt viele Babys geboren werden und geburtshilfliche Kliniken damit häufig an ihre Grenzen kommen. Eine große geburtshilfliche Klinik musste bereits im Januar an 12 von 31 Tagen den Kreißsaal sperren, weil keinerlei Kapazitäten mehr da waren. Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat sagt derweil beruhigend, dass es keinen wirklichen Engpass gebe, sondern es sich nur um einen aktuellen Babyboom handelt.

Nun, wenn dem tatsächlich so wäre, würde der aber bereits ganz schön lange anhalten. Im vergangenen Jahr, als ich selbst kurz in einer großen Berliner Geburtsklinik im Kreißsaal arbeitet, sah die Lage nicht besser aus. Auch hier kamen wir regelmäßig mit den Platz- aber vor allem den Personalkapazitäten an unsere Grenzen. Es ist also längst keine Ausnahme mehr, dass Frauen in Berlin und anderen deutschen Städten unter der Geburt an der Kreißsaaltür abgewimmelt werden. Auch die Freundin mit der abgebrochenen Hausgeburt musste zunächst mit dem Rettungswagen ein Stück durch Berlin fahren, weil die nächstgelegene Klinik sie nicht aufgenommen hat. Zum Glück bestand dank aufmerksamer Hebamme keine bedrohliche Situation, aber entspannend sind solche Situationen nicht für werdenden Eltern.

Und selbst, wenn man dann einen der begehrten Plätze im Kreißsaal ergattert hat, heißt das noch lange nicht, dass man gut versorgt ist. Denn nahezu alle Berliner Kliniken suchen dringend Hebammen. Die Fluktuation ist groß, was bei den Arbeitsbedingungen auch kein Wunder ist. Drei oder mehr Frauen gleichzeitig unter der Geburt zu begleiten, lässt einfach keine wirklich gute Betreuung zu, sondern maximal ein zweckmäßiges Versorgen. Und ja, auch wenn es keiner sagen will: genau deswegen passieren Fehler. Wie in jedem Beruf, in dem Personal und Arbeitsaufwand nicht im Verhältnis stehen. Die vermeintliche Sicherheit in der Klinik wird damit immer mehr zum Glücksfall.

Überall kommt das Personal im Kreißsaal ans Limit

Deshalb macht es mich und auch viele andere Kolleginnen traurig und wütend, wenn in der Politik noch immer von einem Babyboom gesprochen wird, statt die tatsächliche Unterversorgung in der Geburtshilfe deutlich als diese zu benennen. Es ist dabei übrigens kein Hauptstadt-Problem, sondern man findet diese Situation überall in Deutschland. Gerade in jenen Regionen, in denen eine kleine geburtshilfliche Klinik nach der anderen schließt, kann das dadurch erhöhte Geburtenaufkommen in anderen Kliniken nicht personell und räumlich aufgefangen werden. Überall kommt das Personal im Kreißsaal ans Limit. Und damit vor allem aber auch die werdenden Eltern, die auf eine gute Begleitung unter der Geburt vertraut haben und nun womöglich das komplette Gegenteil erleben. Natürlich gibt es nach wie vor gut betreute Geburten mit ausreichend Zeit in deutschen Kliniken. Aber es wird immer mehr zur Ausnahme.

Die aktuell bestehenden Probleme haben sich seit Jahren angebahnt. Doch noch immer wird sich an manchen Stellen geweigert, diesen ins Auge zu sehen. Da wird im Berliner Senat offiziell weiter von einem doch positiv behafteten Babyboom gesprochen und nicht gesehen, was es für jede einzelne Frau bedeutet, die unter der Geburt nicht jene Begleitung erhalten kann, die ihr in dieser extremen und besonderen Situation zustehen würde. Das Bild eines süßen Babys dazu lässt schnell vergessen, welche großen Schwierigkeiten tatsächlich bestehen. Doch wenn man nicht einmal zunächst ein Bewusstsein für die bestehenden Probleme hat, wird es tatsächlich schwer sein, etwas daran zu ändern.

Auch auf dem Blog habe ich schon viele Artikel zu diesem Thema geschrieben. Seit Jahren zeichnet sich immer weiter ab, dass die geburtshilfliche Versorgung in eine Sackgasse rennt. Und nein, nicht ein Babyboom war und ist hier das Problem…

2016: Kreißsaal wegen Überfüllung geschlossen | Alles Gute für die Hebammen? | Keine Hebamme- und jetzt ?

2015: PDA statt Hebamme | Geburtshilfe in der Sackgasse | Über Hebammen wird nicht geredet!

2014: Die Letzte macht das Licht aus | Stirb langsam, Hebamme! | Das Hebammendilemma aus Hebammensicht

2013: Hexenverbrennung 2.0 | Warum die Wahl des Geburtsortes wichtiger ist als die Farbe des Kinderwagens…

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4 Kommentare

Mups 16. Februar 2017 - 22:56

Das kann ich so unterschreiben. Es war bei uns so, wenn man noch nicht Nahe an den Presswehen war und das CTG ok wurde man vom Kreißsaal weg geschickt weil kein Platz war und sollte dann jede Stunde wieder rein gucken und dann war es meistens so dass von denen keiner mehr wusste wie der Befund vorher war. Obwohl niemand wirklich unfreundlich war oder inkompetent wirkte war es das Chaos pur. Als es dann soweit war war ich dann diejenige die in einen Kreißsaal gebracht wurde wo dann die andere Frau schnell vom CTG abgemacht und rausgeschickt wurde. Als ich dann eine PDA bekommen sollte war auf meinem Zettel ein Aufkleber mit dem Namen einer anderen Frau.

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Anke 16. Februar 2017 - 17:44

Auch bei uns hat gerade eine kleinere Klinik ihre Geburtsstation geschlossen, aufgrund fehlender Hebammen. Was mich wirklich besorgt. Bei der Geburt meiner Tochter hatte ich solches Glück die einzigste Gebärende an diesem Tag zu sein. Es war eine schöne Geburt, auch weil die Hebamme Zeit für uns hatte. Einmal musste sie uns 10 Minuten alleine lassen und die drei Presswehen in dieser Zeit haben die Geburt nicht vorran gebracht, weil niemand da war der mir gesagt hat was ich tun soll. Als Erstgebärende wusste ich einfach nicht wohin mit meiner Kraft.
Ich weiß genau welches Glück ich hatte, wären mehr Geburten gleichzeitig gewesen, meine hätte viel länger gedauert.
Ich habe jetzt schon Sorge wie das bei einem zweiten Kind werden soll.
Mich würde interessieren was man denn dagegen tun kann … auch wenn es ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, würde ich mich gerne engagieren … weiß nur nicht wie…

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Antje 16. Februar 2017 - 16:31

Aus den Berichten meiner Mutter kann ich Deinen Artikel voll und ganz bestätigen. Sie ist Gynäkologin in einer Klinik mit einer der größten Entbindungsstationen in Deutschland. Ständig berichtet sie von Überfüllung und das Entbindungen im Wehenzimmer stattfinden mussten, da die Kreißsäle alle belegt waren und Wöchnerinnen auf anderen Stationen untergebracht waren. Die Kapazitäten sind schon seit längerem zu gering (auch hier haben in den letzten Jahren kleinere Entbindungsstationen im Umland geschlossen) und auch das Personal ist unterbesetzt. Meine Mutter kommt eigentlich aus jedem Nachtdienst völlig erschöpft, da ständig alle Hände voll zu tun sind. Mal einen ruhigen Nachtdienst gibt es für sie nach meinem Gefühl kaum noch…
Und nicht nur in der Klinik, auch eine Hebamme zur Betreuung zu finden, wird hier immer schwieriger. Meine Hebamme sagt, dass inzwischen schon fast mit positivem SST eine Hebamme gesucht werden muss. Bei meiner ersten SS habe ich mich erst nach der 20. SSW gekümmert und hab keine Probleme gehabt…

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Clarissa 16. Februar 2017 - 10:00

Wenn ich sowas lese, bin ich über meine Geburt in England froh. Zwar war ich über Nacht zur Einleitung allein mit meinem Mann im Wehenzimmer und hatte eine mir absolut unsympathische Nachtdiensthebamme (die aber jedes Mal sofort kam, wenn ich klingelte), aber am nächsten Morgen und Vormittag zur eigentlichen Geburt war die zugewiesene Hebamme da. Die ganze Zeit, stundenlang, an meinem Bett im Kreißsaal. Hier scheint auch das Nachwuchsproblem nicht so schlimm zu sein – mit jeder Hebamme lief eine Schülerin mit.

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