Fehlgeburt – Wenn die Hoffnung geht…

Für die meisten Schwangeren sind die ersten Schwangerschaftswochen ein seltsamer Schwebezustand. Das Leben ist anders und doch wieder nicht. Ist die Schwangerschaft erwünscht, werden oft Pläne geschmiedet – auch wenn der Kopf sagt, dass gerade die ersten Wochen noch unsicher sind. Wenn dann trotz aller Zuversicht Blutungen einsetzen oder eine Ultraschalluntersuchung keinen Herzschlag findet, ist die Trauer groß. Meist hilft das Wissen, dass eine Fehlgeburt vielen Frauen zustößt, in diesem Moment nur wenig. Denn noch immer ist eine Fehlgeburt ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft und wir haben keine Worte dafür. 

Heute ist das frühe Wissen Fluch und Segen zugleich. Wir haben die Möglichkeit, früh über unseren Zustand Bescheid zu wissen und entsprechend zu handeln. Doch auf der anderen Seite ist es gerade in den ersten Wochen normal, dass eine Schwangerschaft nicht bestehen bleibt. Ungefähr jede dritte Frau erlebt das mindestens einmal in ihrem Leben.

Für diese Normalität bleibt wenig Raum, wenn die beiden Striche auf dem Test klar gemacht haben, dass der Körper schwanger ist. Früher waren Frauen schwanger, ohne es zu wissen und eine verspätete Regelblutung war genau das und keine Fehlgeburt. Für die Seele vielleicht auch eine Erleichterung?

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Professionelle Begleitung

Weil sich eine Fehlgeburt in den ersten 12 Wochen recht häufig ereignet, ist dies für viele Schwangere mit ein Grund, warum sie in den ersten Wochen nicht von ihrem Zustand erzählen.

Ob es hilfreich sein kann, Gedanken und Gefühle rund um die Schwangerschaft zu teilen, ist individuell sehr verschieden. 

In jedem Fall sollten Schwangere sich professionelle Unterstützung suchen. Der Gang zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen ist für die meisten die logische Konsequenz aus dem positiven Schwangerschaftstest. Doch zum gleichen Zeitpunkt ist die Suche nach einer Hebamme mindestens genauso wichtig – sie betreuen und begleiten Schwangere von der ersten Woche an. Im besten Fall ergänzt sie das ärztliche Angebot und kann eine hilfreiche Ansprechpartnerin sein, wenn Familie und Freund*innen noch nicht eingeweiht sind. Und sie kann ein professioneller Beistand sein, wenn die Schwangerschaft nicht bestehen bleibt.

Signale des Körpers

Die ersten Wochen der Schwangerschaft sind häufig physisch und psychisch belastend. Die hormonelle Umstellung ist gewaltig und macht sich bei vielen Frauen durch mehr oder weniger starke Übelkeit und Müdigkeit bemerkbar. Dieser Zustand wird häufig leichter ertragen, weil er eine bestehende Schwangerschaft signalisiert.

Bessern sich die Symptome oder ist die Schwangerschaft von Beginn an beschwerdefrei, schleichen sich nicht selten Zweifel ein, ob noch alles in Ordnung ist. Doch eine Fehlgeburt muss sich nicht ankündigen. Zwar können Blutungen und/oder Unterleibsschmerzen ein Zeichen sein. Doch nicht selten kommt die Nachricht vom fehlenden kindlichen Herzschlag völlig überraschend. Umso größer ist dann der Schock, dem Trauer und Verunsicherung folgen.

Viele Frauen erleben den Besuch bei der Gynäkologin wie im Nebel, wenn der Ultraschall keine intakte Schwangerschaft mehr zeigt. Gerade wenn es keine Vorboten oder eine Vorahnung gab, bahnen sich die Informationen nur schwer ihren Weg in Kopf und Herz.

Nicht nur der eine Weg

Daher wird es oft auch als Überforderung empfunden, die nächsten Schritte zu entscheiden. Doch wenn keine gesundheitsgefährdende Situation vorliegt (und das ist fast immer der Fall), gibt es ausreichend Zeit, sich mit dem neuen Zustand auseinanderzusetzen und in Ruhe zu überlegen, welcher Weg der richtige ist.

Eine Fehlgeburt kann operativ, medikamentös oder abwartend beendet werden. Nicht selten stellen Gynäkolog*innen nur den operativen Weg dar und geben dafür gleich die Einweisung ins Krankenhaus mit. Dies kommt vielen Frauen vermeintlich recht in ihrem Wunsch, dieses traurige Kapitel möglichst schnell hinter sich zu lassen.

Je früher die Fehlgeburt passiert, umso eher kann sich ein Gefühl einstellen, dass die Schwangerschaft noch gar nicht richtig da ist. Doch Trauer ist unabhängig vom Alter der Schwangerschaft – und auch davon, ob das Kind heiß ersehnt oder eher ungeplant war.

Hebamme hilft individuell

Ein Termin mit der Hebamme kann die Gedanken sortieren, hilfreiche Informationen bringen und den für sich individuell passenden Weg herausfinden:

  • Brauche ich Zeit und möchte ich meinem Körper die Chance geben, die Fehlgeburt aus eigener Kraft zu meistern?
  • Empfinde ich das Unplanbare als zu belastend und möchte den Prozess medikamentös unterstützen?
  • Kann ich mit einem klar definierten Eingriff am ehesten umgehen und entscheide mich für eine Ausschabung?

Gerade bei den frühen Fehlgeburten (bis zur 12. SSW) gibt es keinen richtigen oder falschen Weg. Aber es gibt keine Eile! Und die Erfahrung zeigt, dass es trotz der schweren Situation für die Verarbeitung wichtig ist, in Ruhe eine Entscheidung zu treffen.

Trauer braucht Zeit und Raum

In unserer Gesellschaft gibt es wenig Rituale, mit frühen Schwangerschaften umzugehen – weder im Positiven noch im Negativen. In den ersten Wochen sprechen wir nicht über den neuen Zustand, fast immer aus Angst, es könne noch etwas passieren. Das führt dazu, dass Frühschwangere nur dann zur Kenntnis genommen werden, wenn ihnen die Schwangerschaftssymptome besonders zu schaffen machen.

Doch wäre es nicht ein schönes Ritual, eine Frau „guter Hoffnung“ zu begleiten, sie zu umsorgen und sie eben auch zu stützen, wenn die Schwangerschaft nicht bleibt?

Fehlende Traditionen machen die Mitmenschen unsicher. Der Trauer wird oft mit oberflächlichen Aufmunterungen begegnet. Den Betroffenen hilft das nicht, sie bekommen im Gegenteil das Gefühl, schnell wieder funktionieren zu müssen. 

Trauer kommt in Wellen

Es gibt keine definierte Regelung, wie lange eine Pause nach einer Fehlgeburt dauert und hier sind nicht die körperlichen Symptome entscheidend. Die Gynäkologin bzw. der Gynäkologe kann ganz individuell eine Krankschreibung ausstellen und auch verlängern. Auch eine Fehlgeburt hat ein Wochenbett, in dem die Hebamme mit regelmäßigen Hausbesuchen Unterstützung anbietet.

Es ist normal, dass die Trauer in Wellen kommt und sich unterschiedlich äußert. Der Begriff Fehlgeburt kommt nicht vom Wort Fehler – und doch fühlen sich Frauen schuldig, lassen die letzten Wochen Revue passieren, ob ihr Verhalten vielleicht der Schwangerschaft nicht angemessen gewesen ist.

Hier tröstet hoffentlich der Hinweis, dass sich eine Fehlgeburt nicht aufhalten lässt. Doch das Wort drückt aus, dass etwas fehlt: ein Kind, ein Traum, eine Lebensplanung. Das macht die Gefühle so schwer und auch wenn der Umgang damit sehr individuell ist, zeigt doch die Erfahrung, dass die Trauer Zeit und Raum braucht.

Links zum Weiterlesen:

https://www.fehlgeburtforum.de

https://www.dasendevomanfang.de/

In einem fast halbstündigen Feature hat sich auch die Redaktion des Deutschlandfunks mit dem Thema Fehlgeburt beschäftigt. Hier geht es zum Hör-Beitrag.

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