Rektusdiastase, Beckenboden, Hebamme, Hilfe

Fragen an die Hebamme: Was ist eine Rektusdiastase?

von Anja

In der Schwangerschaft benötigen die wachsende Gebärmutter und das Baby darin viel Platz im Bauch. Organe und Muskulatur sind dabei „im Weg“. Ihre ursprüngliche Position verändert sich also entsprechend. Damit bekommt das Kind genug Platz zum Wachsen. Auch die geraden Bauchmuskeln werden verdrängt, sie weichen zur Seite hin aus. Zusätzlich lockern die Schwangerschaftshormone die Muskulatur auf. Durch das Baby darin fühlt sich der Bauch trotzdem meist prall und straff an.

Nach der Geburt aber fühlt sich der nun leere Bauch zunächst leer und haltlos an. Die Bauchmuskeln sind überdehnt und weich. Das unmittelbar nach der Geburt vorhandene „Leeregefühl“ und die damit verbundene Instabilität in diesem Bereich bessert sich schnell. Die Bauchdecke passt sich zeitnah dem nun wesentliche kleineren Umfang wieder an.

Trotzdem lässt sich bei vielen Frauen noch einige Zeit nach der Geburt ein Spalt zwischen den geraden Bauchmuskeln tasten. Die waren für die wachsende Gebärmutter auseinander gewichen und haben dadurch ihre ursprüngliche Zugrichtung verloren. Dieser Spalt ist vor allem dann tastbar, wenn die Frau gerade die Bauchmuskulatur anspannt, wie zum Beispiel beim Anheben des Kopfes in Rückenlage. Außerdem ist dann auch häufig zu sehen, wie sich der mittige Oberbauch vorwölbt. Dies heißt auch Rektusphänomen.

Rektusdiastse bedeutet meist auch Probleme mit Beckenboden

Diese Vorwölbung ist bereits sichtbar, wenn der Spalt zwischen den Bauchmuskeln „nur“ etwa drei Längsfinger breit ist. Sie wird zum Beispiel auch immer dann sichtbar, wenn sich die betroffene Frau gerade aus der Liegeposition in eine Sitzhaltung begibt. Das den Rücken und auch den Beckenboden schonende Aufsetzen über die Seite sollte also auch über die Schwangerschaft hinaus beibehalten werden. Eine bestehende Rektusdiastse ist meist mit Rücken- und Beckenbodenproblemen verbunden. Sämtlicher Druck, der im Alltag auf den Bauchraum kommt etwa beim Husten oder Niesen, lässt sich noch schlechter mindern, wenn die nach vorne hin stützende Bauchmuskulatur nur unzureichend funktioniert.

Deshalb sollte zur Behandlung der Rektusdiastase immer ein funktionelles Beckenbodentraining gehören. Es gibt spezielle Übungen zur Behandlung der Rektusdiastase. Hier werden die Bauchmuskeln zunächst repositioniert und gehalten (nach Angela Heller). So verbessert sich die Körperstatik und den betroffenen Frauen ist die Anspannung in diesem Bereich besser möglich. Diese Übungen müssen mit Unterstützung durchgeführt werden, damit jemand die Bauchmuskulatur entsprechend in Position hält. Ohnehin empfiehlt sich für die Behandlung einer Rektusdiastase immer die Zusammenarbeit mit einer Physiotherapeutin bzw. einer entsprechend ausgebildeten Hebamme oder einer Beckenbodentherapeutin. Der Frauenarzt kann bei Bedarf ein entsprechendes Rezept für Physiotherapie ausstellen.

Die Rektusdiastase ist für viele betroffenen Frauen nicht nur ein „optisches Problem“, sondern es fehlt auch die wichtige Halte-, Stütz- und Tragefunktionen dieser Bauchmuskulatur. Das führt langfristig zu chronischen Schmerzen im Lendenwirbelbreich und im unteren Rücken. Auch Verdauungsprobleme sowie Verstopfung können mögliche Folgen sein. Zudem kommt es in der Folge leichter zu Bauchwand- oder Nabelbrüchen (Hernien).

Rektusdiastsen mit gezieltem Training verbessern

Mit einem gezielten Training lassen sich viele Rektusdiastasen deutlich verbessern. Unbedingt vermieden werden sollten Aufrollbewegungen in Rückenlage, wie es bei den klassischen Sit-ups oder Crunches der Fall ist. Übungen bei denen die Bauchmuskulatur im Vierfüßlerstand aktiviert wird, sind da günstiger. Generell ist es sinnvoll, sich gezielte Übungen richtig zeigen lassen, bevor man diese dann im Alltag selbständig durchführt. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob eine Übung effektiv ist oder sogar eher schadet. Im klassischen Fitness-Studio kann nicht immer davon ausgegangen werden, dass die Trainer darin ausgebildet sind, bei den Übungen die Besonderheiten nach Schwangerschaft und Geburt zu berücksichtigen. Deshalb fragt man hier am besten gezielt nach, bevor man sein Trainingsprogramm wieder aufnimmt.

Gut „gegen“ die Rektusdiastase, aber auch für eine stabile Körpermitte allgemein, sind viele Übungen aus dem Pilates. Es empfiehlt sich, möglichst bald nach der Geburt mit gezielten Übungen gegen die Rektusdiastase „anzuturnen“. Aber auch wenn schon ein paar Monate oder sogar Jahre seit der Geburt vergangen sind, lohnt es sich immer, etwas dagegen zu tun.

In der Regel ist bei einer Rektusdiastase keine operative Therapie erforderlich. Dies ist nur der Fall, wenn diese extrem ausgeprägt ist, die durch die Rektusdiastase bedingten Beschwerden deutlich zunehmen oder andere Komplikationen wie Bauchwandbrüche hinzukommen. Bei einer OP wird die Muskulatur in der korrekten Position fixiert und eventuell zur zusätzlichen Unterstützung der Bauchwand ein Kunststoffnetz eingelegt. Bei einer ausgeprägten Rektusdiastase mit deutlichen Beschwerden ist deshalb die Vorstellung beim Arzt sinnvoll, auch wenn eine OP wirklich nur selten notwendig ist.

Fachliteratur:
Nach der Geburt: Wochenbett und Rückbildung von Angela Heller | Der Beckenboden – Funktion, Anpassung und Therapie von Renate Tanzberger und Annette Kuhn | Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause von Ulrike Harder

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5 Kommentare

Hana 7. April 2018 - 11:59

Hallo Anja,

ich finde den Beitrag hast du sehr schön geschrieben und ich stimme dir mit deinen Aussagen absolut zu, ich habe jetzt im Bekanntenkreis sogar Mamas die ernsthaft eine OP in Betracht ziehen, ich denke man sollte hier erstmal mit einem guten Training den Grundstein setzen und nicht gleich sich unters Messer legen. Ich bin selbst auch zertifizierte postnatale Trainerin und habe mit der einer oder anderen Mama zutun gehabt, die im Fitnessstudio wirklich schlecht beraten wurde, danke also für deinen tollen Beitrag 🙂

Viele Grüße
Hana

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Katrin 22. Juli 2017 - 19:02

Liebe Anja, wer würde eine entsprechende Diagnose stellen können? Meine Frauenärztin ist derzeit nicht da und in der Stadt, in der ich lebe, ist es schwierig, anderweitig Termine zu bekommen. Wegen Rücken Problemen habe ich bald einen Termin bei einem Orthopäden….
Beste Grüße von Katrin

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Anja 26. Juli 2017 - 11:31

Liebe Katrin,

das kann im Grunde auch der Hausarzt diagnostizieren. Fachlich wäre wahrscheinlich der Gynäkologe bzw. ein Bauchchirurg noch näher am Thema dran. Oder eben auch der Orthopäde, da sich wie geschrieben die RD und die dadurch bedingte Instabilität der Körpermitte ja eben auch auf den Rücken (v.a. im Lendenwirbelsäulenbereich) auswirken kann. Wahrscheinlich wird er diesen Punkt auch abfragen, aber ansonsten weise auf jeden Fall noch mal darauf hin.

Gute Besserung und liebe Grüße, Anja

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Anja Constance Gaca 22. Juli 2017 - 09:57

Liebe Anna,

ich kenne auch die Definition mit den zwei Zentimetern, was ja in etwa zwei Querfingern entspricht. Somit wären die 1-2 QF bei Dir noch im normalen Rahmen- entscheidend ist ja auch noch mit, wie lange die Geburt schon her ist.
Aber auch unter den 2 cm kann Physiotherapie sinnvoll sein, wenn Du z.B. Beschwerden wie vielleicht Rückenschmerzen haben solltest. Für die Stabilität der Körpermitte sind ja auch noch andere Faktoren wie z.B. der Beckenbodenzustand mitentscheidend.

Liebe Grüße,

Anja

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Anna 21. Juli 2017 - 09:19

Liebe Anja,
immer wieder frage ich mich: ab wann spricht man denn eigentlich von einer Rektusdiastase? Nach meiner ersten Schwangerschaft ist ein 1-2 Querfinger breiter Spalt geblieben, aber im Internet lese ich an manchen Stellen, dass das ganz normal sei und erst ab über 2 Querfingern eine behandlungsbedürftige Rektusdiastase vorläge (im Sinne von Physiotherapie etc.). Was meinst du dazu?
Liebe Grüße!
Anna

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