Kinderwunschbehandlung – der lange Weg zum Wunschkind

Wenn Paare sich ein Kind wünschen, folgt nicht automatisch, dass sie auch bald ein Kind bekommen. Der Weg zum Wunschkind kann lang und steinig sein. Und für manche Paare bleibt ihr Wunsch am Ende unerfüllt. Zahlreiche neue Techniken und Möglichkeiten haben sich im Rahmen der Kinderwunschbehandlung in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Immer damit verknüpft ist die gute Hoffnung, bald ein eigenes Kind in den Armen halten zu dürfen. Doch was bedeuten diese Behandlungen für die jeweilige Frau und ihren Partner oder ihre Partnerin. Was macht das mit der Beziehung? Was brauchen Wunscheltern in dieser herausfordernden Zeit? Welches Umfeld wirkt belastend oder unterstützend in der Kinderwunschzeit?

All diese und weitere Fragen durften wir @how_we_met_our_baby stellen. Aus weiblicher und männlicher Sicht erzählen die beiden Schweizer über ihren langen Kinderwunschweg. Auf ihrem Instagram-Account kann man den Weg der beiden mitverfolgen. Ehrlich, klug, interessant und auch humorvoll schreiben sie dort über die vielen Aspekte und Emotionen der Kinderwunschbehandlung.

Ihr seid auf Instagram als 👩🏻 «Sie» und 👨🏻‍💻 «Er» von @how_we_met_our_baby bekannt.
Sie: Wir sind beide 1979 geboren und mittlerweile seit ziemlich genau zehn Jahren verheiratet. Wir wohnen in einem kleinen Städtchen in der Schweiz. Ich habe Medizin und Bewegungswissenschaften studiert und arbeite als selbständige Therapeutin und Zyklusberaterin in Zürich. Mein Mann ist studierter Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet bei einer Bank.

Seit wann seid ihr ein Paar? Wann kam bei euch der Kinderwunsch auf? 
Er: Kennen gelernt haben wir uns schon zu Studentenzeiten. Es dauerte aber noch ein paar Jährchen und brauchte ein paar Anschubser von Freunden, bis wir endlich begriffen hatten, dass wir uns lieben und zusammengehören.

Sie: Schon von Anfang an war uns klar, dass wir dieselben Wünsche hatten: Wir wollten ein Häuschen, zwei Kinder, Haustiere… ganz normal halt, vielleicht ein bisschen langweilig und konservativ – aber so sind wir halt. 😊

Wann wurde euch klar, dass der Kinderwunschweg vielleicht steiniger werden würde als gedacht? Was waren dann die nächsten Schritte?
Sie: Schon recht bald nach unserer Hochzeit fühlte ich mich bereit für ein Baby, und auch mein Mann war offen. Im Nachhinein erscheint es mir wahnsinnig naiv zu denken, dass wir sofort schwanger werden, kaum verhütet man nicht mehr. Aber so geht es wohl den allermeisten Paaren, die beschließen, „jetzt“ schwanger zu werden. Ich musste ja auch nie ein Verhütungsmittel absetzen, denn ich machte schon immer Zyklusaufzeichnungen und natürliche Empfängnisregelung. Für mich war es deshalb jeden Monat klar, wann meine fruchtbare Zeit ist und wann ich hätte schwanger werden können. Bei mir kam darum auch schon recht schnell die Enttäuschung und das Gefühl auf, dass da irgendwas nicht stimmt.

Er: Ich freute mich in dieser Zeit vor allem darüber, nicht mehr aufpassen zu müssen. Für mich bestand kein Problembewusstsein. Ein Baby wäre schön gewesen, aber wenn es eben diesen Zyklus nicht klappt, dann vielleicht im nächsten. «Sie» sagte mir aber nach etwa einem halben Jahr, dass ihrer Meinung nach etwas nicht stimmt, und ging zu ihrer Gynäkologin. Leider wurde sie dort nicht ernst genommen. Es hieß, wir sollten erstmal ein Jahr lang üben. Es sei völlig normal, dass es etwas länger dauert.

Sie: Mich hat das total frustriert, weil ich auf Abklärungen gehofft hatte. Mit meinem Wissen war mir klar, dass da etwas schiefläuft, und die Ärztin unterstellte uns, dass wir zu doof wären, es an den richtigen Tagen zu versuchen. Die nächsten Monate waren für mich eine harte Zeit voller Selbstzweifel. Ich wälzte Gedanken, ob wir für etwas bestraft würden, ob wir keine Kinder verdient hätten… Als die Gynäkologin ein Jahr später endlich einen Postkoitaltest durchführte und dieser nur abgestorbene Spermien zeigte, war das fast eine Erleichterung. Endlich wurden wir ernst genommen und an einen Spezialisten überwiesen. Und trotzdem flossen bei mir viele Tränen, weil wir so viele Monate vergeudet hatten.

Er: Und die Warterei war noch nicht vorbei: Es dauerte Monate, bis wir einen Termin beim Reproduktionsmediziner bekamen. Und der schickte mich als erstes zum Andrologen, wo es auch nochmal etliche Wochen dauerte, einen Termin zu kriegen. Alles in allem verging ein weiteres Jahr, bis wir mit der Kinderwunschbehandlung richtig loslegen konnten.

Habt ihr euch denn gut begleitet gefühlt in der Kinderwunschklinik? Nicht nur medizinisch, sondern auch emotional?
Er: Einerseits haben wir uns bei den Spezialisten immer sehr gut aufgehoben gefühlt. Andererseits glaubten wir sehr lange daran, dass es doch noch auf natürlichem Wege klappen würde. Dass uns immer wieder gesagt wurde, der Zyklus sei ja perfekt und alles sieht toll aus, ihr seid noch jung und viele werden dann doch spontan schwanger, hielt uns viel zu lange zurück, den nächsten Schritt zu machen. Man hofft ja auch, genau zu diesen Paaren zu gehören.

Sie: Unserem Arzt war es immer wichtig, dass neben der medizinischen Seite auch die mentale Seite gut betreut wird. Er hat mich deshalb zu einer auf Kinderwunsch spezialisierte Therapeutin geschickt. Das fanden wir sehr gut und half mir, mit dem Stress besser umzugehen.

Seid ihr von Anfang an offen mit dem Thema umgegangen? Wem habt ihr davon erzählt?
Sie: Überhaupt nicht. Es war anfangs sehr schwierig, darüber zu sprechen. Vor allem bei mir in der Familie stieß ich auf großen Widerstand. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine klare Diagnose. Auch wir dachten, man müsse nur die Behandlungen starten und – zack – wird man schwanger. Für mich war es Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ich als damals schon seit vielen Jahren aktive Zyklusberaterin nicht schwanger wurde. War etwa alles falsch, was ich meinen Paaren seit Jahren erzählt hatte?

Einen „großen Eingriff in die Natur“ wie eine IVF (In-vitro-Fertilisation) oder ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) konnte ich mir da noch überhaupt nicht vorstellen. Die Vorstellungen über künstliche Befruchtung waren völlig falsch. Wir hatten das Gefühl, dass bei dieser Therapie unzählige überzählige Babys entstehen würden, die dann „entsorgt“ werden müssten. Ein schwieriges Thema.

Er: Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass zwar die allermeisten Leute positiv und offen reagieren, dass es aber leider auch solche gibt, die ziemlich komische Vorstellungen und Vorurteile zu Fortpflanzungsmedizin haben. Und weil was im Internet ist, im Internet bleibt, haben wir uns entschieden, unsere Namen nicht zu nennen. Auch unserem zukünftigen Kind zuliebe.

Trotzdem sind wir immer offener geworden, weil wir festgestellt haben, dass es uns sehr guttut, von unserem Weg zu erzählen. Aber auch, weil die Menschen eigentlich immer positiv reagieren, wenn wir aufklären und erzählen, was unsere Therapie bedeutet und wie sie funktioniert. Vielen Leuten scheint nicht bewusst, dass die Paare die Fruchtbarkeitsbehandlungen nicht „aus Spass“ machen, sondern es medizinische Gründe für die Therapie gibt.

Welche Behandlungen habt ihr auf eurem bisherigen Kinderwunschweg durchgeführt?
Er: Wir starteten wie ein typisches Schweizer Kinderwunschpaar mit Hormonstatus, Eileiterdurchgängigkeitsprüfung und einem Spermiogramm als Vorbereitung auf eine IUI (Intrauterine Insemination). Bei dieser Behandlung werden die Spermien leicht aufbereitet und direkt in die Gebärmutter eingeführt. Das ist auch die einzige Kinderwunschbehandlung, die in der Schweiz von den Kassen bezahlt wird. Diese Behandlung haben wir insgesamt acht Mal gemacht. Im Nachhinein betrachtet haben wir hier viel zu viel Zeit verloren und zu lange herumprobiert.

Sie: Weiter ging es mit drei ICSI-Behandlungen in der Schweiz. Bei dieser Behandlung wird die Frau stimuliert und es werden ihr die reifen Eizellen entnommen. Diese werden dann mit einem Spermium im Reagenzglas befruchtet: Ein Spermium wird in die Eizelle injiziert. Einige Tage später werden dann ein bis zwei Embryonen wieder in die Gebärmutter eingepflanzt.

Drei weitere ICSI-Behandlungen folgten in unserer neuen Klinik in Spanien, wo zusätzlich bei den Embryonen eine Präimplantationsdiagnostik durchgeführt wurde. Hierfür wird dem fünf Tage alten Blastozysten eine Zelle entnommen und deren Chromosomensatz untersucht. Bei uns wurde diese Untersuchung zu diagnostischen Zwecken durchgeführt, da wir schon so viele Kinder sehr früh verloren hatten. Wir wollten wissen, ob aus unseren Genen überhaupt lebensfähige Babys entstehen können. Unterstützend zur Therapie wurde bei mir zwei Mal eine Bauch- und Gebärmutterspiegelung durchgeführt, bei der auch meine Endometriose saniert wurde.

Gibt es einen medizinischen Grund oder auch mehrere Gründe, weshalb ihr bisher kinderlos seid?
Er: Ja, ziemlich sicher schon… 😊 Scherz beiseite: ganz am Anfang stand der „positive“ Postkoitaltest: Ihr Zervixschleim tötet alle meine Spermien ab. Es folgten ganz viele Untersuchungen. Bei mir war das Spermiogramm mal lausig, mal einigermaßen ok.

Sie: Bei mir ist die Blutgerinnung grenzwertig und die NK-Zellen (eine besondere Form der weißen Blutkörperchen) in der Gebärmutter waren erhöht.

Er: Für uns waren diese Resultate immer schwierig zu verdauen, weil die Werte zwar nicht optimal waren, aber eigentlich auch nie so schlecht, dass es deswegen nicht auf natürlichem Wege oder wenigstens mit ein bisschen Unterstützung klappen könnte.

Sie: Bei den schwierigen und nicht nach Plan verlaufenden ICSI-Behandlungen in der Schweiz wurde eine Eizellreifungsstörung und ein verminderter AMH-Wert (Anti-Müller-Hormon) festgestellt. Dieser deutet zusammen mit den übrigen Hormonwerten auf verfrühte Wechseljahre hin. In Spanien kam dann nach acht Jahren endlich die Diagnose, dass bei uns eine HLA-Inkompatibilität vorliegt (Human-Leucocyte-Antigene), eine immunologische Abstoßungsreaktion. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, dass mein Körper die gemeinsamen Babys abstößt wie ein transplantiertes Organ, das nicht passt. Für uns war diese Diagnose einerseits ein Schock, andererseits aber auch eine große Erleichterung, endlich zu wissen, wo das Problem eigentlich liegt.

Er: Wenn wir heute auf unseren Weg bis hierher zurückblicken, hatte vor allem meine Frau schon sehr viel früher den richtigen Verdacht. Sie vermutete schon vor acht Jahren, dass ein immunologisches Problem vorliegen könnte. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt die Forschung noch nicht so weit, dass man entsprechende Untersuchungen hätte durchführen können, geschweige denn therapieren. Wir haben zwar immer wieder die Ärzte auf diesen Verdacht angesprochen, aber keiner wusste so richtig, wie darauf zu reagieren wäre. Mehrere Versuche bei Allergologen endeten im Nichts: die Verbindung von Immunologie zu Kinderwunsch ist auch heute noch zumindest in der Schweiz totales Neuland.

2013 ist «Sie» dann schwanger geworden. Wie ging es euch, als ihr davon erfahren habt? Überwog die Vorfreude oder waren eher Sorgen und Ängste da?
Sie: Wir waren einfach überglücklich! Es war bei unserer fünften Insemination. Zu dem Zeitpunkt hatten wir ja schon seit fünf Jahren Kinderwunsch. Und wir waren überzeugt, dass jetzt einfach alles gut gehen würde. Es konnte, es durfte doch nicht sein, dass wir nach so einer langen Odyssee dieses ersehnte Baby wieder verlieren sollten.

Gerade weil wir so glücklich waren, war der Schock umso größer, als beim Ultraschall einfach kein Herzschlag zu sehen war. Wir wollten es gar nicht glauben und warteten deshalb noch eine Woche… vielleicht war unser Baby einfach etwas langsam in der Entwicklung und der Herzschlag würde noch kommen? Eine vergebliche Hoffnung, wie sich ja dann zeigte.

Ihr habt euer Baby leider durch eine Fehlgeburt in der neunten Schwangerschaftswoche verloren? Möchtet ihr von dieser Zeit erzählen? Wie ging es danach weiter mit dem Kinderwunsch?
Sie: Der Verlust unseres Kindes war der absolute Tiefpunkt in unserer Beziehung. Heute würden wir so vieles anders machen. Wir waren beide total überfordert mit der Situation und in tiefer Trauer nicht fähig, uns gegenseitig zu zeigen und zu geben, was wir voneinander brauchten. Für «ihn» war es ein Erfolg, endlich hatten wir einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen gehalten. Und ein Ultraschallbild, das die Schwangerschaft bewies. Wir KONNTEN schwanger werden. Auch wenn wir heute, wie auch unser Arzt, eher glauben, dass es nur eine Blasenmole war. Aber für mich war eine Welt zerbrochen. Auch heute noch, während wir diese Zeilen schreiben, kommen mir bei der Erinnerung daran fast die Tränen.

Er: Diese total unterschiedliche Wahrnehmung der Situation zwischen meiner Frau und mir war wohl der Hauptgrund, warum unsere Beziehung in dieser Zeit fast auseinandergebrochen wäre. Wenn ich heute diese Tränen sehe, verstehe ich viel besser, was dieser Verlust körperlich und seelisch für sie bedeutet hat. Damals waren wir in unserer Kommunikation noch viel weniger weit.

Sie: Zuerst wollten wir nach diesem Rückschlag so schnell wie möglich weitermachen, auch auf Anraten unseres Arztes. Auch wenn ich kaum mehr die Kraft dafür aufbringen konnte. Als dann aber bei der nächsten IUI eine Überstimulation zum Abbruch führte, war es bei mir endgültig zu Ende. Es hat Jahre gedauert, bis ich wieder bereit war, auf dem Kinderwunschweg weiterzugehen. Unsere Beziehung musste sich zuerst wieder festigen, und es war klar, dass wir in Zukunft den Weg wirklich GEMEINSAM gehen würden. Wir haben sehr viel an unserer Kommunikation gearbeitet. Uns hilft es heute immens, dass wir einfach sagen, was uns beschäftigt und wie unsere Gefühle aussehen.

Er: Wir mussten beide lernen, dass einem die Gefühle und Bedürfnisse nicht auf die Stirn geschrieben sind. Heute versteckt meine Maus es nicht mehr, wenn es ihr wegen der Therapie körperlich schlecht geht. Das macht es auch für mich sehr viel leichter.

Was ist das Belastendste an den Behandlungen? Körperlich, aber auch psychisch. Wie lassen sich die auch zeitaufwändigen Behandlungen mit dem eigenen Alltag vereinbaren? Wie stemmt ihr die hohe finanzielle Belastung bzw. worauf verzichtet ihr vielleicht deshalb?
Sie: Für mich sind die größte Belastung sicherlich die Nebenwirkungen der Medikamente. Von manchen Präparaten bekomme ich Kopfschmerzen, werde müde und schlapp. Das tägliche Spritzen ist nicht so ein Problem, das habe ich an meinen Mann abgegeben. Und der macht das hervorragend! Auch wenn er dabei ab und an angekreischt wird, wenn er mal wieder mit der Nadel wackelt. Was mich aber am meisten stört, ist die enorme Gewichtszunahme, die die Therapie bei mir auslöst. Zusätzlich zum psychischen Druck erkenne ich mich dann auch im Spiegel kaum mehr wieder. Ich bin da eine ganz typische Frau: natürlich würde ich gern neue Kleider shoppen, wenn die alten nicht mehr passen. Aber ich würde viel lieber Umstandsmode kaufen! Und nicht einfach nur größere Größen.

Er: Ich bin enorm dankbar, dass wir beide gute Jobs haben. Da in der Schweiz fast nichts von den Kassen übernommen wird, ist die Therapie eine sehr große finanzielle Belastung. Wir arbeiten beide sehr viel. Und für die längeren Aufenthalte in der Klinik geht dann halt unser Jahresurlaub drauf. Zum Glück ist Spanien sehr schön, und wir verbinden die Behandlungen immer auch mit Urlaub und freuen uns jeweils schon lange im Voraus drauf. Ein Leben ohne Alicante können wir uns schon fast nicht mehr vorstellen. Aber ohne ein Darlehen von der Familie wären wir schon mehrmals an unsere Grenzen gestoßen.

Trotz dieses wirklich schweren Weges strahlt ihr so viel Hoffnung und Zuversicht aus? Wie erhaltet ihr euch diese positive Sicht?
Er: Ich denke, dadurch, dass wir so offen kommunizieren und gemeinsam den Weg gehen, kann der eine den anderen auffangen, wenn wir mal einen schlechten Tag haben und zu zweifeln beginnen.

Sie: Wir finden es sehr wichtig, glücklich zu sein. Und das sind wir. Mit uns, mit unseren Jobs, mit unserem Leben im Jetzt. Der Kinderwunsch ist zwar ein wichtiger Teil unseres Alltags, aber wir werden nicht durch ihn definiert. Und wir glauben einfach ganz fest daran, dass unser Wunder schon noch kommen wird. Wir sind bereit und haben ganz viel Platz und Liebe zu geben.


Viele Paare, die ich als Hebamme begleitet habe, erzählen gar nicht oder nur wenigen Menschen von ihrer Kinderwunschbehandlung. Warum glaubt ihr, ist das Thema noch immer so ein großes Tabu? 
Er: Ich denke, viele Paare schämen sich für ihre Unfruchtbarkeit. Ich sehe es vor allem auch bei Männern, dass es sie wahnsinnig trifft und sie sich in ihrer Männlichkeit erschüttert fühlen. Dieses alte Rollenbild des potenten Mannes ist in vielen Köpfen offenbar schon noch sehr präsent. Dabei sind die tatsächlichen Reaktionen, wenn man offen mit Unfruchtbarkeit umgeht, meiner Erfahrung nach ganz anders.

Es ist ein Teufelskreis: weil nicht über das Problem gesprochen wird, haben die betroffenen Paare das Gefühl, allein und exotisch zu sein und trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Erfahren so aber auch nie, wie vielen anderen Paaren es genau gleich geht oder gegangen ist.

Sie: Uns geht es genau umgekehrt. Weil wir offen darüber sprechen, sind wir umgeben von Freunden und Bekannten, die selbst betroffen sind. Ich glaube, für ganz viele Paare ist es einfach schwer zu verarbeiten, wenn die normalste Sache der Welt einfach nicht funktioniert. Auch für uns war das eine große Herausforderung. Und in der Gesellschaft ist noch lange nicht angekommen, dass es medizinische Gründe gibt, warum es mit der Schwangerschaft nicht klappt.

Was macht der unerfüllte Kinderwunsch mit der Beziehung? Welche Rolle spielt die Unterstützung des Partners während der Behandlung?
Sie: Für unsere Beziehung waren vor allem die ersten Jahre unseres Kinderwunsches eine große Herausforderung. Ich war anfangs oft wütend und habe mich sehr allein und um Stich gelassen gefühlt.

Er: Ich habe das Gefühl, dass für eine Frau der Kinderwunsch sehr viel präsenter ist als für den Mann, auch wenn sich – wie bei uns – beide ein Baby wünschen. Wichtig ist, dass man sich als Mann aktiv in die Diskussion einbringt und Anteil nimmt. Es ist aber auch an der Frau, ihre Bedürfnisse auszusprechen. Wir Männer sind in solchen Dingen eh etwas schwer von Begriff und verstehen die versteckten Hinweise nicht oder viel zu spät.

Sie: Als es nach unserer Kiwu-Pause wieder losging mit den Behandlungen war für mich klar, dass ich meinen Mann an meiner Seite brauche. Und seither ist alles für mich so unglaublich viel einfacher geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, alles würde nur an mir hängen. Wir machen es gemeinsam, es ist unser gemeinsamer Weg.

Und ganz konkret noch eine letzte Frage: Gibt es Literatur zum Thema Kinderwunsch? Oder auch Webseiten oder Blogs, die ihr – neben eurem Instagram-Account – empfehlen könnt?
Sie: Ich habe einiges gelesen. Das Buch Gelassen durch die Kinderwunschzeit von Birgit Zart fand ich eine gute Stütze, um meine Sorgen zu verarbeiten.

Er: Einen besonderen Platz hat It Starts With The Egg von Rebecca Fett, die sehr gute Tips zur Verbesserung der Eizell- und Spermaqualität gibt. So haben wir ja auch eine deutliche Verbesserung des Spermiogramms und des AMH-Wertes hinbekommen, auch wenn es am Ende nicht bis zum Baby gereicht hat.

P.S.: Dieses Interview haben wir Anfang August geführt. Am 20. August 2018 haben die beiden positiv getestet. Seit dem 07. September 2018 wissen die beiden, dass sie den Instagram-Account eigentlich umbenennen müssen. Denn es sind gleich zwei Babies unterwegs.

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Kommentare

5 Antworten zu „Kinderwunschbehandlung – der lange Weg zum Wunschkind“

  1. K
    Kokopelli

    Mein Mann und ich haben auch ) IUIs, 3 ICSIs und 2 Kryos hinter uns. Bis zum vorletzten Versuch ohne die Ursache zu kennen. Dann haben wir auf einer Kinderwunschmesse vom ERA-Test gehört, ihn gemacht und die Behandlung an den Befund angepasst. Danach ist endlich unser Wunder geschehen und ich konnte im Juli positiv testen.

    Wir haben uns unserem privaten Umfeld relativ offen kommuniziert, dass wir in KiWu-Behandlung sind. Das hat uns gut getan und uns vor „doofen Nachfragen“ bewahrt.

    Ich wünsche ihm und ihr, dass sie nun auch endlich für Ihre Strapazen entlohnt werden. Ich drücke alle Daumen.

  2. P
    Petra

    Auch mein Mann und ich waren durch eine Varikozele ein Fall für die Kinderwunschbehandlung (ICSI).
    „Wir hatten das Gefühl, dass bei dieser Therapie unzählige überzählige Babys entstehen würden, die dann „entsorgt“ werden müssten. Ein schwieriges Thema.“
    Tatsächlich ist uns dieses Thema auf die Füße gefallen. Selbstverständlich haben wir alle überzähligen (was für eine Benennung!) Blastozysten einfrieren lassen für den Fall dass es nicht klappt (auch Empfehlungen des Kunderwunschzentrums). Hat es aber, immer wieder. Man könnte fast despektierlich sagen jeder Schuss ein Treffer. Und was selbstverständlich ein Segen ist, hat aber auch für einige schlaflose Nächte gesorgt. Letztendlich haben wir uns dafür entschieden dass jeder seine faire Chance verdient hat. Und nachdem die letzte Blastozyste noch eine extra Überraschung parat hat und morgen schon meine eineiige Zwillingsjungs eingeleitet werden (@Anja: hat sich aus der Fußwege in Schädlinge gedreht, Nabelschnur liegt auch nicht mehr vor *juhu*), dürfen wir uns dann über 5 Kinder freuen.
    Ich kenne aber auch einige (!) Familien, die sich aus guten Gründen gegen weitere Versuche entschieden haben, und alle weitere Embryonen verworfen haben. Ein Aspekt, der es durchaus wert ist, vorher bedacht zu werden!

    Abschließend möchte ich den Beiden alles Gute für die Schwangerschaft wünschen und drücke ganz fest die Daumen.

    1. A
      Anja

      Liebe Petra,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Gedanken zu diesem wichtigen Aspekt. Dazu hört und liest man wirklich wenig.
      Ach wie toll, dass sich die Kinder noch mal ein bisschen günstiger eingedreht haben in Deinem Bauch.
      Alles Gute für die Geburt und einen schönen Start in das Familienleben mit fünf Kindern.

      Liebe Grüße,

      Anja

  3. K

    Vielen Dank für das Teilen dieses Interviews und dieser Erfahrungen. Es wird leider noch viel zu wenig offen über ungewollte Kinderlosigkeit gesprochen, was es für die Betroffenen umso schwieriger macht. Wir selbst stehen noch am Anfang unseres Weges und teilen diese Hoffnung/Zuversicht, dass mit ein bisschen Unterstützung schon alles gut wird. Die Ärzte suggerieren einem ja, dass man kein „schwieriger“ Fall sei und behandeln erstmal nach Schema F. Wenn man als Patient nicht selbst die Initiative ergreift geht verdammt viel Zeit dafür ins Land, die man als Paar nicht unnötig verstreichen lassen möchte. Es ist sehr schade, dass hier nicht mehr von Seiten der Ärzte in der Beratung getan wird, vermutlich weil man an jedem Kontrolltermin und jeder Behandlung (zumindest in Deutschland) gut verdient. Wir haben unser engstes Umfeld (Familie und gute Freunde) eingeweiht, sobald wir selbst grob Klarheit hatten sie unser Weg (zunächst) verlaufen wird. Das hat enorm viel Druck von uns genommen, keine Maske mehr tragen und ausreden für Termine in der Praxis, Pflaster von der Blutabnahme usw erfinden muss. Alle haben positiv reagiert und uns Mut zugesprochen. Das ist neben dem Partner die wichtigste Stütze in dieser Zeit. Ich versuche weiter positiv zu bleiben, doch genau wie hier beschrieben ist jede Bekanntgabe einer Schwangerschaft im Umfeld ein Stich ins Herz. Es gibt eben solche und solche Tage in dieser Zeit, alles in allem sind wir auch zu zweit mit unserem Leben glücklich, dennoch wiegt der Kinderwunsch schon schwer. Da hilft es von Erfahrungen anderer zu lesen, dass ihr Weg, wie steinig, zermürbend und verschlungen er sein mag letztlich zum Ziel führt.

    Liebe Grüße, Silke

  4. V
    Vanessa

    Sehr, sehr viel kommt mir so bekannt vor (der anfängliche Optimismus, die Zeit, die man irgendwie mit den ganzen Untersuchungen und Behandlungen verliert und im Nachhinein bereut, die frühe Fehlgeburt, das „eigentlich müsste es klappen“ usw.) Wir haben nach 8 Jahren und allen ausgeschöpften medizinischen Möglichkeiten, die in Deutschland von der Kasse zumindest teilw. finanziert werden, aufgegeben. Das war Anfang 2014. Es folgte ein langer Prozess, um sich vom Kinderwunsch zu verabschieden und jede Schwangerschaft im persönlichen Umfeld war ein Schlag in die Magengrube. Aber wir haben das hinbekommen und es ging uns als Paar gut – und Ende 2015 war ich plötzlich schwanger, mit 34. Es kamen natürlich viele Sprüche, man müsse halt den Kopf frei bekommen, was ich immer gehasst habe, aber plötzlich waren wir ein solches Beispiel wider Willen. Uns war es abllerdings völlig egal, warum es jetzt doch geklappt hatte. Die Schwangerschaft war ziemlich von Ängsten überschattet, dass es wieder schief geht und wir das Kind verlieren, aber der Kleine ist mittlerweile 2 Jahre alt. Und als wäre ein Wunder nicht genug, so erwarten wir in ein paar Wochen erneut Nachwuchs. Wir wollten immer jung Eltern werden und wissen bis heute nicht, warum es jetzt plötzlich einfach so geht, wo wir soviel älter sind, aber wir sind sehr dankbar.
    Ihm und Ihr aus dem Artikel alles erdenklich Gute für die Schwangerschaft!

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