Wenn Hebammen Kinder kriegen: Christine

von Anja

Christine ist schon seit über dreißig Jahren Hebamme und hat große Erfahrung in allen Bereichen der Hebammenarbeit. Sie ist aber vor allem als Expertin zu den Themen Beckenboden und Rückbildungsgymnastik bekannt und hat dazu auch mehrere empfehlenswerte DVDs veröffentlicht, darunter das Standardwerk Rückbildungsgymnastik. Ihr Wissen gibt sie auch in Fortbildungen für Fachpersonal weiter, von denen auch meine Arbeit im Bereich der Rückbildungsgymnastik noch immer sehr profitiert. Sie arbeitet in ihrer eigenen Praxis und ist außerdem als beratende Hebamme für die Elternprotestgruppe Mother-Hood tätig. Christine ist Mutter von zwei mittlerweile schon erwachsenen Söhnen. Vor allem die erste, so anders als gewünscht verlaufene Geburt, hat ihre Arbeit maßgeblich mitgeprägt. Und von dieser erzählt sie hier.

Ich habe mein erstes Kind ungeplant in einer fremden Klinik zur Welt gebracht, in der man ganz anders arbeitete, als ich mir das wünschte. Routinemäßige PDA, die Frau lag am CTG in Seitenlage, bis sie vollständig eröffnet hatte. Die Geburt erfolgte in Rückenlage mit Powerpressen und Kristellern. Die diensthabende Hebamme schwärmte vom „ruhigen Kreißsaal“. Sie war weit über 60 Jahre alt und hatte über Pfingsten drei Tage Dauerdienst. In diesen drei Tagen kamen zehn Kinder zur Welt. Meines war das letzte.

Die Eröffnungsphase dauerte 36 Stunden – nicht ungewöhnlich, wenn man sich nicht geborgen fühlt. Von der Hebamme kam keine andere Unterstützung, als mir immer wieder einen Kaiserschnitt anzubieten. Als ich endlich vollständig eröffnet hatte, kam vom Oberarzt die Ansage: „Wir machen jetzt EINEN Pressversuch und wenn das nichts bringt, gehen wir in den OP!“ Ich habe dann EINMAL sooo gepresst (in Rückenlage, Beine in Beinhaltern gelagert, mit Assistenzarzt auf meinem Bauch), dass der Zwerg derart aus mir rausknallte, dass sie mir flott einen sehr großen, seitlichen Dammschnitt verpasst haben.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie beschissen ich mich nach dieser Gewaltaktion gefühlt habe.
Ich hatte ein sehr süßes, gewünschtes Kind – und konnte mich dennoch nicht richtig freuen. Auch wenn ich sehr in mein Baby verliebt war. Die Trauer blieb lange. Im darauf folgendem Jahr bekam ich zunehmend mehr Probleme mit meinem Beckenboden. Der Dammschnitt war erst mal gut verheilt und machte mir keine Probleme. Aber die rechte Seite wurde von den Nerven nicht mehr versorgt, die Muskeln bildeten sich nach und nach zurück und meine Scheide hatte rechtsseitig keinerlei Spannung mehr. Mein Beckenboden war hin. Und das 1987, wo man vom Beckenboden noch NULL Ahnung hatte.

Ich habe mir dann selber viel Wissen angeeignet, viel probiert und meinen Beckenboden wieder tipp topp hingekriegt und beschäftige mich seither – auch interdisziplinär – mit diesem Thema.
Daraus entstanden mein Trainingskonzept, meine DVDs und meine Hebammenfortbildungen. Etwas, das zunächst wie ein riesengroßes Desaster aussah, hat mein Leben nachhaltig und positiv beeinflusst.

Mein zweites Kind habe ich in aufrechter Position in die eigenen Hände geboren. Ohne Dammverletzungen. Eine Geburt, durch die ich mich gestärkt und glücklich fühle. Eine unschöne Geburt hinterlässt immer Spuren auf der Seele. Man kann sie einfach nicht wiederholen und besser machen. Es ist gut, wenn man diese Tatsache in die eigene Chronik integrieren kann und mit diesem Bild lebt.

Ich hatte eine schwere Geburt.

Ich habe mir das anders gewünscht.

Es ist aber so gekommen, wie es gekommen ist.

Das ist unveränderbar.

Ich kann heute meinen betreuten Frauen sagen: „Guck mich an, ich hatte auch eine sehr schwere Geburt. Heute geht es mir gut, ich kann entspannt darüber sprechen. Es ist keine Last mehr. Nur eine Erinnerung.“

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1 Kommentar

Paula 24. März 2016 - 09:57

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag!
Vor allem der letzte Abschnitt macht Mut, eventuell doch ein zweites Kind zu bekommen und damit noch eine Geburt durchzustehen. Das war bisher ein unvorstellbarer Gedanke.

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