Stilldauer, Stillzeit, Stillen, Breastfeeding

Fragen an die Hebamme: Wie lange stillen?

von Anja

Die Frage nach der empfohlenen Stilldauer kommt oft schon im Geburtsvorbereitungskurs, aber spätestens im Wochenbett nach den ersten gemeisterten Stilltagen. Gemeint ist an dieser Stelle nicht die Dauer einer einzelnen Stillmahlzeit, für die es übrigens auch keine zeitlichen Vorgaben gibt. Nein, die Eltern möchten wissen, wie viele Monate oder Jahre ein Kind optimalerweise gestillt werden sollte.

Dann kann man als Hebamme natürlich die derzeitige WHO-Empfehlung zitieren, die sicherlich schon eine gewisse Orientierung gibt. Für die meisten Menschen tut sie das aber eher nicht. Zumindest nicht der Teil der Empfehlung, der über die sechsmonatige ausschließliche Stillzeit hinaus geht. Denn laut WHO sollten Kinder neben adäquater Beikost auch danach bis hin zu einem Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus weitergestillt werden.

Frauen, die gerade noch mit ihrem Baby im Bauch auf der Yogamatte im Kurs sitzen, können sich meist nicht vorstellen, ein „soooo riesiges“ Kind noch zu stillen. Deshalb gebe ich diese Empfehlung auch nur selten an dieser Stelle so komplett weiter. Ich erzähle zwar vom Wert der Muttermilch und des Stillens auch über das Beikostalter hinaus. Erkläre das Saugbedürfnis kleiner Menschen und erwähne auch das eigentlich natürliche Abstillalter. Aber ich empfehle keine konkreten Zeiten oder gebe Zahlen an.

Ein guter Stillstart

Denn die Stillzeit ist eine so individuell verlaufende Zeit. Sie lässt sich nur schwer in Monaten oder Jahren festmachen. So stillen Frauen, die eigentlich spätestens zum ersten Geburtstag abgestillt haben wollten, noch zwei weitere Jahre. Andere indes entscheiden sich früher als „geplant“ für einen anderen Weg. Und manchmal kommen einfach individuelle Umstände dazu, die andere Entscheidungen als ursprünglich gewünscht erforderlich machen.

Deshalb gibt es keine konkrete empfohlene Stillzeit, wenn das Gesamtgeschehen betrachtet wird. Gesundheitlich hat eine längere Stillzeit viele positive Aspekte für Mutter und Kind – das ist wissenschaftlich erwiesen. Aber es spielen nun mal noch mehr Faktoren als die Prävention von Magen-Darm-Infekten oder die Senkung des Herzinfarktrisikos eine Rolle. In jedem Fall gilt: Stillen auch über den ersten oder zweiten Geburtstag hinaus ist normal, aber letztlich immer eine individuelle Entscheidung.

Deshalb rede ich an Kursabenden lieber darüber, wie Müttern erst einmal ein guter Stillstart gelingen kann. Denn das ist die Basis. Und gerade am Anfang gibt es viele Störfaktoren, die das Stillen erschweren. Wenn die ersten Tage und Wochen gut verlaufen oder bei Schwierigkeiten schnell Unterstützung zugegen ist, dann werden auch die ersten Stillmonate wahrscheinlich recht entspannt verlaufen. Mutter und Kind gehen ihren Stillweg zusammen. Ein Weg, der sich immer wieder verändern wird. Babys stillen mal mehr und mal weniger. Die Beikost beeinflusst das Stillen – früher und oft auch erst später. Das Stillen eines Kleinkindes ist anders als das eines Neugeborenen. Auch deshalb vielleicht ist es in den ersten Stillwochen nur schwer vorstellbar, wie es sein wird, ein „schon“ zweijähriges Kind zu stillen.

Den Stillweg gemeinsam gehen

Aber diese Entscheidung muss weder vor noch unmittelbar nach der Geburt getroffen werden. Auch nicht nach ein paar Wochen oder Monaten, sondern dann, wenn sie ansteht. Vielleicht bestimmt das Kind den Abstillzeitpunkt, vielleicht auch die Mutter. Mutter und Kind können und sollten ihren Stillweg gehen, so lange wie er immer auch dauern mag. Niemand muss sich vorab festlegen, wie lange gestillt werden „soll“. Der Körper und auch die Milchmenge stellen sich auf das ein, was gerade geschieht. Deshalb können Still-und Abstillentscheidungen auch einfach von Woche zu Woche und von Situation von Situation getroffen werden. Das gilt übrigens nicht nur für das Stillen, sondern für viele Bereiche im Leben mit Kindern. Es gibt sicherlich immer einen besten Zeitpunkt – doch der ist höchst individuell.

Empfehlungen für die Stillzeit:

Bereite Dich auf die Stillzeit vor, indem Du Dich vorab informierst. Wähle auch, wenn möglich, Deinen Geburtsort entsprechend aus. Such Dir Unterstützung für den Stillbeginn und auch bei späteren eventuellen Stillproblemen. Du hast bis zum Ende der Abstillzeit Anspruch auf Hilfe bei Still- und Ernährungsschwierigkeiten des Kindes durch eine Hebamme. Zum Beispiel bei:

  • körperlichen Beschwerden der Mutter (z.B. Milchstau, fragliche Brustentzündung, wunde Brustwarzen)
  • Brustverweigerung durch das Kind
  • beunruhigendes Still- und Ernährungsverhalten des Kindes
  • auffällige Gewichtsentwicklung des Kindes
  • zu viel oder zu wenig Muttermilch
  • Schwierigkeiten bei Umstellung auf Beikost
  • Ernährungsprobleme aufgrund von Erkrankungen oder Fehlbildungen des Kindes (z.B.Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte)
  • Anleitung zum Abpumpen, Beratung zu Stillen und Berufstätigkeit

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für bis zu maximal acht Stillberatungen. Mit einer ärztlichen Anordnung sind darüber hinaus auch weitere Beratungen in der Stillzeit abrechnungsfähig.

  • Wenn Du verunsichert bist von kritischen Stimmen in Deinem Umfeld, such Dir Unterstützung. Das kann eine Hebamme oder eine Stillberaterin sein, mit der Du konkret mögliche offene Fragen klärst. Das können aber auch andere Mütter in der Stillgruppe vor Ort sein. Oder eine Online-Stillgruppe, die aber Raum für den individuellen Weg jedes Einzelnen lassen sollte. Umgib Dich also mit Menschen, die Dir gut tun.
  • Schau auf Dein Kind. Schau auf Dich. Denn Ihr beide wisst wahrscheinlich am allerbesten, was gut für Euch passt. Das gilt für die Dauer der Stillzeit, ebenso wie für vieles andere.
  • Es gibt kein richtig oder falsch beim Stillen. Du kannst Dein Kind einige Monate oder einige Jahre stillen. Ausschließlich stillen, teilweise stillen, abpumpen und füttern, Tandemstillen… stillen ist bunt.
  • Das Abstillen ist ein Prozess, der natürlicherweise mit der ersten Beikost beginnt und sich meist über einen langen Zeitraum hinzieht. Informiere Dich oder lass Dich beraten, wenn Du diese Phase anders gestalten oder beschleunigen willst. Ein sanftes Abstillen ist für Mutter und Kind angenehmer, weshalb sich Kinder in der Regel auch nicht von heute auf morgen abstillen. Manchmal gibt es aber einen „Stillstreik“, der als Abstillsignal des Kindes fehlinterpretiert werden könnte. Hol Dir dann gegebenenfalls Unterstützung
  • Stille einfach Tag für Tag. Triff mögliche Entscheidungen dann, wenn sie für Dich anstehen und nicht nach dem Kalender oder dem Alter Deines Kindes.

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9 Kommentare

Janine D. 10. Februar 2018 - 08:22

Wir haben jetzt im Januar mit 3,5 Jahren abgestillt. Mein Motto war immer: erstmal 6 Monate und dann schauen. Es war nicht immer leicht und nicht immer schön, aber hat sich dennoch immer richtig für uns zwei angefühlt. Einzig das „Stillst du *immer noch* aus der Familie war manchmal schwer auszuhalten. Aber auf die – nach einiger Zeit Übung auch selbstbewusst – vorgebrachte Antwort „Ja, und?“ kam dann meistens keine Reaktion mehr. Letztendlich hatte ich aus verschiedenen Gründen schon länger beschlossen abzustillen und es dann an zwei Tagen „hart“ durchgezogen. Das hat zwar nicht ohne Tränen funktioniert, konnte ich aber natürlich in dem Alter mit Worten erklären. Ich würde mir Wünschen, dass wir Frauen mehr auf unsere innere Stimme hören und auf die natürliche Beziehung zwischen Mutter und Kind vertrauen würden.

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Mimi 4. Februar 2018 - 17:05

Mal wieder ein schöner Artikel, der für mich zur richtigen Zeit kommt. Meine Tochter und ich haben sie mit dreizehn Monaten zusammen abgestillt. Ich war darauf eingestellt noch länger zu stillen, aber durch meine erneute Schwangerschaft ist die Milchmenge so zurückgegangen, dass es der ‚Großen‘ nach einigen Wochen zu blöd wurde. Teilweise ist sie von meinem Arm runtergerutscht, hat sich den Schnuller geschnappt und dann wieder auf den Arm gekrochen. Da ich sehr erschöpft war, hat mir das Abstillen zu dem Zeitpunkt gut gepasst. Ich glaube, wichtig ist vor allem, dass man trotzdem weiterhin ganz viel Nähe und Kuscheln ‚einplant‘, auch wenn das Kind nicht mehr trinkt. Ich bin eigentlich sehr glücklich mit unserer Stillgeschichte, ich habe ihr nie die Brust verweigert, bis sie selbst nicht mehr wollte. Trotzdem wünschte ich mir manchmal, dass sie länger gestillt hätte und hadere ein bisschen, Stillen ist einfach so gesund! Ich will eben nur das Beste für sie, wie man so sagt. Und am Ende war es so normal für mich geworden, ich hätte noch ewig weitermachen können… Schöner Artikel!

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Kay 1. Februar 2018 - 00:24

Liebe Anja, leider funktioniert der Herinfarkt Artikel link bei mir nicht 🙁

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Christian 1. Februar 2018 - 10:15

Müsste funktionieren, bitte nochmal versuchen. Ist jedenfalls alles technisch in Ordnung.

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Rika 30. Januar 2018 - 22:51

Ich erlebe gerade beim zweiten Kind (15 Monate), wie anders das Stillen eines Kleinkindes im Vergleich zu einem Baby ist: weil ich mehrmals pro Woche bis zu 12 h aus dem Haus bin, wird nachts bei Bedarf und tagsüber wenn ich da bin gestillt. Wenn ich nicht da bin, ist es auch völlig ok, weil mein Kind am Tisch isst und der Papa Nähe und Trist spenden kann. Wenn ich da bin und wir stillen, sehe ich danach ein lächelndes Kind mit roten Wangen, dass mit mir scherzt und dann wieder etwas spielen geht. Es ist toll, wie anpassungsfähig unsere Körper und Psyche ist.
Hätte ich von diesem möglichen anderen Stillen bei älteren Babys und Kleinkindern beim ersten Kind gewusst, ich hätte nicht mit 8 Monaten abgestillt aus Angst vor Zähnchen und vor allem aus der Angst heraus, nie wieder einige Stunden oder den ganzen Tag arbeiten gehen zu können / Tagesausflüge ohne Kind machen zu können usw. Dass das alles auch mit Stillen geht – ich hätte damals eine Person gebraucht, die mir das sagt und nicht nur die Beikosteinführumgspläne hinlegt, wo die Stillmahlzeiten vermeintlich ersetzt werden

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Schokominza 30. Januar 2018 - 14:04

Ein sehr guter Artikel 🙂 Ich habe damals alles auf mich zukommen lassen und dachte insgeheim, dass das Stillen sowieso nicht klappt. Doch dann ging es von Anfang an supereinfach und ich fand es sogar sehr schön, mein Milchmonster selbst zu ernähren. Kind 1 hatte mit 9 Monaten keine Lust mehr auf das Stillen, (da war ich auch schon wieder schwanger). Kind 2 habe ich selbst abgestillt, auch mit 9 Monaten. Man sollte „spontan“ entscheiden, wie lange man gern stillen möchte. Sobald es nur noch lästig und anstrengend ist (Stillen kostet ja auch Zeit und Energie), weiß man: Jetzt ist es genug für uns. 🙂 Allerdings klappt das leider auch nicht mit jedem Kind so leicht, gerade wenn Flasche und Schnuller kein Ersatz sind.

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Susann 30. Januar 2018 - 19:50

Ähnlich dachte ich auch 🙂 Mein Bruder und ich sind mit Flasche groß geworden, das geht auch gut. Und da ich mich mit dem Stillen so wenig gestresst habe, hat es wohl auch so gut funktioniert 🙂

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Alessandra 30. Januar 2018 - 11:40

Liebe Anja, dieser Artikel kommt für mich gerade rechtzeitig. Ich plage mich gerade mit einer Brustentzündung, da ich eine Verletzung an der Brust habe, wo mein Sohn immer wieder den Grind weglutscht. Wir versuchen es jetzt mit Stillhütchen, sonst wird es wohl auf möglichst sanftes Abstillen hinaus laufen…
Viele Grüße!

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Kathi 30. Januar 2018 - 11:32

Liebe Anja, vielen Dank für diesen Artikel. Er kommt zum richtigen Zeitpunkt. Mein drittes Kind (19 Monate) genießt die Zeit beim Stillen so sehr. Als munterer Wirbelwind jagt sie durch den Tag, immer mit neuen Ideen. Wenn sie dann aber zu mir kommt, gestillt werden möchte und dann glückselig genießt und entspannt, weiß ich, dass die Zeit zum Abstillen noch nicht gekommen ist (so sehr ich mir dies auch so manches Mal wünsche).

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