Flasche, Pre-Milch, Babynahrung

Mal eben ein Fläschchen zufüttern reicht nicht

von Anja

Der Gedanke, dass das eigene Baby nicht ausreichend versorgt wird, ist für alle frisch geborenen Eltern kaum auszuhalten. Und tatsächlich soll auch nichts ausgehalten werden, wenn ein Baby tatsächlich zu wenig Nahrung für sein Gedeihen erhält. Oftmals stimmen aber das subjektive Gefühl, dass das Baby nicht genug Muttermilch erhält, und die Realität nicht überein.

So sind Stillende vielleicht überrascht davon, wie häufig sich so ein Neugeborenes zum Stillen meldet. Vielleicht deuten sie dies als Zeichen, dass das Baby nicht satt wird. Schnell werden vermehrte Unruhe oder untröstliches Weinen automatisch mit Hunger in Verbindung gebracht. Die Zahl auf der Waage und die Frequenz und Menge der Ausscheidungen bestätigen aber ein gutes Gedeihen.

Und manchmal ist es auch einfach wirklich der Fall, dass ein Baby beim Stillen (noch) nicht ausreichend Muttermilch erhält. Die Empfehlung zuzufüttern kommt oft von vielen Seiten – mal mehr und mal weniger berechtigt. Generell kann man sagen, dass Zufüttern allein fast nie die Lösung ist. Schon gar nicht dann, wenn dem Baby „einfach mal ein Fläschchen Pre-Milch gegeben wird“. Eine ausreichende Nahrungszufuhr ist wichtig. Aber die Beachtung der jeweiligen Umstände und die entsprechende Unterstützung der Eltern sind es ebenso. Darum folgen an dieser Stelle einige Punkte, die Eltern bei der Entscheidung rund um das Zufüttern beachten sollten.

1. Gründe fürs Zufüttern

Zufüttern ist immer eine Intervention, die das weitere Stillen mehr oder weniger stark beeinflusst. Deshalb sollte dies nicht leichtfertig geschehen. Genauso wenig sollte aber die Notwendigkeit für eine Zufütterung übersehen werden. Mögliche Gründe (Indikationen) zum Zufüttern können sein:

  • Babys, die unreif oder zu früh geboren wurden, da sie eventuell noch zu schwach sind, ausreichend an der Brust zu trinken
  • Babys, die gesundheitliche Schwierigkeiten haben wie z.B. ein zu niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie)
  • gesundheitliche Gründe, die das Stillen von Seiten der Mutter einschränken
  • eine frühe ausgeprägte Gewichtsabnahme. Hier sind meist zehn Prozent Abnahme ausgehend vom Geburtsgewicht ein Zufütterungsgrund. Eine Gewichtsabnahme bis zu sieben Prozent vom Geburtsgewicht liegen im physiologischen Bereich. Bei mehr sollte unbedingt schon genauer hingeschaut werden, um eben nicht in kritischere Bereiche zu kommen. Mehr zur Gewichtsentwicklung des Babys ist hier zu finden.

Neben diesen medizinischen Gründen kann das Zufüttern auch auf Wunsch der Eltern angezeigt sein. Wichtig ist, dass sie hierzu gut und ergebnisoffen beraten werden, um eine informierte Entscheidung treffen zu können.

2. Stimulation der Milchbildung

Jede Mahlzeit an der Brust stimuliert die Milchbildung. Jede Mahlzeit auf anderem Wege tut dies nicht. Darum wird idealerweise direkt an der Brust zugefüttert. So kann das Baby zum Beispiel mit einem dünnen Schläuchlein (feine Sonde) zusätzliche Milch erhalten, während es an der Brust saugt. Wenn das Baby das Saugen noch nicht ausreichend schafft, übernimmt am besten eine gute elektrische Intervall-Milchpumpe mit Doppelpumpset vorübergehend diese Aufgabe.

In den ersten ein, zwei Tagen ist meist das Entleeren von Hand die bessere Wahl, da so die anfangs noch kleinen Mengen tröpfchenweise aufgefangen werden können, z.B. mit einer kleinen Spritze. Das Massieren und Ausstreichen der Brust sollte der Stillenden gezeigt werden und so oft durchgeführt werden, wie sich auch das Baby normalerweise melden würde, circa acht bis zehn Mal in 24 Stunden, also auch in der Nacht.

3. Präpartale Kolostrumgewinnung

Bei Schwangeren mit einem Gestationsdiabetes kann es auch beim Baby nach der Geburt vorübergehend zu Schwierigkeiten bei der Stabilisierung des Blutzuckerspiegels kommen. Deshalb kann es sinnvoll sein, bereits in der Schwangerschaft per Hand Kolostrum (die erste gebildete Milch – reich an an Proteinen, Nährstoffen und Immunfaktoren) zu gewinnen, dieses einzufrieren und zur Geburt mit in die Klinik zu bringen.

Bei einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel kann dieses Kolostrum im Bedarfsfall zugefüttert werden, wenn (noch) nicht ausreichend genug frisches Kolostrum zur Verfügung steht. Die Beratung zur Notwendigkeit und zum korrekten Vorgehen bieten einige Geburtskliniken im Rahmen der Diabetes-Sprechstunden an.

4. Erste Wahl Muttermilch

Beim Thema Zufüttern wird meist an Pre-Milch (industriell hergestellte Säuglingsnahrung) gedacht. Natürlich ist diese auch geeignet, um bei Indikation und Bedarf von Geburt an gefüttert zu werden. Die erste Wahl ist aber immer Muttermilch. Darum ist hier die Beratung der stillenden Mutter so wichtig, um die jeweiligen Möglichkeiten zu besprechen.

Mütter müssen wissen, wie sie die Milchbildung stimulieren können und wie sie Milch gewinnen können. Gerade für zu früh geborene oder kranke Babys ist die Muttermilch besonders wertvoll. Hier wird möglichst auf Spenderinnenmilch zurückgegriffen, wenn nicht genug Muttermilch der eigenen Mutter zur Verfügung steht. In Deutschland gibt es Frauenmilchbanken, die in der Regel an Kliniken angebunden wird. Natürlich gibt es entsprechend strenge Kriterien und auch Kontrollen der Milchspenden, um die Qualität und hygienischen Voraussetzungen zu sichern. Auf der Seite Frauenmilchbank finden sich weitere Informationen und Standorte.

Zufüttern kann auch bedeuten, dass abgepumpte oder per Hand entleerte Muttermilch sowie Pre-Nahrung gegeben wird. Jeder gewonnene Tropfen Muttermilch sollte dem Baby zugute kommen, auch wenn vorübergehend die Ergänzung durch Formula-Nahrung erforderlich ist.

5. Stillfreundlich zufüttern

Die ersten Tage und Wochen sind sozusagen die Lernphase des Stillens für Mutter und Kind. In dieser Zeit ist das Stillen häufig noch leicht irritierbar. Da sich das Saugen an der Brust und an der Flasche doch eklatant unterscheiden, ist das Fläschchen zum Zufüttern eher nicht geeignet. Idealerweise wird direkt an der Brust zugefüttert, etwa mittels einer feinen Sonde. Die Klinik hat entsprechende Stillhilfsmittel in der Regel vorrätig. Für den häuslichen Gebrauch sind diese in gut sortierten Apotheken wie „Milchwiese“ erhältlich. Für größere Zufütterungsmengen gibt es auch ein spezielles Brusternährungsset, das die Handhabung etwas vereinfacht. 

Gerade in der Anfangsphase können die noch kleineren Milchmengen auch gut mit einem Löffel oder einem Muttermilch-Trinkbecher gegeben werden. Auch diese Optionen wirken sich nicht irritierend auf das Saugverhalten des Babys aus, weil darüber das Saugbedürfnis des Babys nicht gestillt wird. Wichtig ist aber hier bei allen Methoden eine gute Einweisung der Eltern durch Fachpersonal.

Eine weitere, auch in Kliniken praktizierte Zufütterungsmethode ist das Fingerfeeding, bei der das Baby am umgedreht im Mundraum liegenden Finger des Elternteils saugt und mittels einer daneben platzierten Spritze mit einem schmalen Silikonaufsatz Milch erhält, wenn es entsprechend saugt. Allerdings ist auch diese Saugvariante ganz anders als an der Brust. Die Anwendung kann dazu führen, dass sich das Baby ein ungünstiges Saugmuster angewöhnt. Der Mund ist wesentlich geringer geöffnet als beim Stillen. Außerdem ist der Finger viel fester als die weiche, formbare Brustwarze. Die Fingerfütterung kann in besonderen Situationen angezeigt sein. Es aber sollte keine Standardmethode zum Zufüttern sein. Wichtig ist auch hier, dass Eltern gut in die Methode eingeführt und im weiteren Verlauf begleitet werden.

6. Babyernährung ist bunt

Der Alltag mit einem Baby ist schon ohne Still- oder Fütterschwierigkeiten herausfordernd genug. Wenn in diesem Bereich aber zusätzliche Sorgen und Aufgaben hinzukommen, kann die Belastung deutlich höher sein. Gerade die Phasen aus Stillen, Abpumpen und Zufüttern sind eine nicht zu unterschätzende Mehrfachbelastung. Darum müssen auch hier die Ressourcen der Eltern gut im Blick behalten werden. Dazu gehört auch immer wieder die jeweilige Situation neu zu betrachten und wieder anzupassen. Mal ist das ergänzende Zufüttern nur eine einmalige oder kurzzeitige Intervention, mal begleitet es Eltern auch viele Wochen oder bis zur Beikostzeit und darüber hinaus. Stillen und Babyernährung überhaupt ist bunt.

Oft, aber eben nicht immer, ist das ausschließliche Stillen stillen möglich, auch wenn anfangs zugefüttert wurde. Das ausschließliche Stillen an der Brust sollte aber nicht das alleinige Ziel sein, sondern eine zufriedenstellende Situation für die jeweilige Familie. Und die wird individuell anders aussehen. Es hat niemand etwas davon, wenn Eltern völlig verausgabt in einem Strudel aus Muttermilch abpumpen, füttern und Anlegeversuchen ihr Baby und die besondere Wochenbettzeit gar nicht mehr genießen können. Zuhören, Verständnis zeigen und entlastende Hilfe sind also häufig besser als der hundertste gut gemeinte Tipp zur Milchmengensteigerung. 

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