Stillen ist an allem schuld!

Stillen ist an allem schuld!

Manchmal sind Mütter müde – sehr müde sogar. Und noch während sie das äußern, begibt sich das Umfeld schon auf Ursachensuche. Wenn eine Mutter zu diesem Zeitpunkt noch stillt und das auch noch in der Nacht, ist die Hauptursache für die Müdigkeit schnell gefunden. Auch wenn Mütter zu schnell abnehmen, ist meist immer die anstrengende Muttermilchproduktion schuld und nicht etwa die Tatsache, dass man manchmal im chaotischen Babyalltag nicht mal richtig zum Essen kommt.Häufige Infekte im Winter bringen manche Leute auch gerne mit der Stillerei in Zusammenhang.

Auch bei einer etwas schleppend laufenden Kitaeingewöhnung, wird gerne mit der zu großen Abhängigkeit durch die Stillbeziehung argumentiert. Genauso wird das bisweilen fehlende Interesse an Beikost oder überhaupt der Ernährungszustand des Kindes- wahlweise zu dick oder zu dünn- auf die Muttermilchernährung zurück geführt. Und wenn die Beziehung des Elternpaares kriselt, kann das ja nur mit dem Stillen zusammenhängen…

Es ist bisweilen recht kurios, was mir die Mütter in der Stillgruppe da so berichten. Aber ich kann nach all den Jahren als Hebamme und Stillberaterin glaubhaft versichern, dass all diese Zustände im Babyalltag relativ unabhängig von der Form der Milchernährung sind. Auch Mütter, die mit Formulanahrung füttern, sind müde, haben eher kleine oder eher große Babys, die mehr oder weniger anhänglich sind und sich auch mal mehr oder weniger für Beikost interessieren. Und die Streitereien mit dem Partner sind auch ganz ernährungsformunabhängig.

Stillen und abstillen lassen…

Warum wird also immer noch vieles so vehement auf das Stillen geschoben? Nicht nur von der Oma, die vielleicht nur kurz oder gar nicht gestillt hat. Selbst Fachleute kommen gerne mit der Abstillempfehlung als Problemlösung für alles um die Ecke. Die Idee dahinter ist bisweilen sogar sicher eine gute Absicht- nämlich der zu müden oder zu dünnen Mutter zu helfen. Aber ist die Abstillempfehlung wirklich eine Hilfe? Mütter, die länger als die in Deutschland üblichen 6,9 Monate stillen, entscheiden sich in der Regel aus freien Stücken dafür. Das heißt, Mutter und Kind stillen gerne. Natürlich ist man auch mal vom Stillen genervt, genauso wie vom Kind anziehen, vom Spielplatzbesuch oder der täglichen Beikostschlacht. Weil man manchmal genervt ist, von allem , was mit dem Kind zusammenhängt, wenn man phasenweise gar keine Atempause für sich selbst hat und einem alles zu viel wird. Aber da es zum Glück hier keinen Stillzwang gibt, ist das eine ganz freie Entscheidung. Darum möchten die meisten länger stillenden Mütter nicht den obligatorischen Abstilltipp bekommen, wenn sie mal über ihre Müdigkeit oder die phasenweise hohe Anhänglichkeit des Kindes jammern. Nein, Mütter möchten ein bisschen Verständnis oder ein bisschen Anerkennung, dass sie einen guten Job machen (ob stillend oder nicht) und manchmal auch ein bisschen konkrete Hilfe. Ein gutes Essen, etwas Entlastung im Haushalt oder eine Badewannenauszeit, weil ein guter Geist mit dem Kind eine Runde spazieren geht.

Wenn Mütter abstillen möchten, haben sie sich das meist überlegt und können diesen Wunsch auch konkret äußern. Da müssen keine Gründe gesucht werden, sondern der entsprechende innere Entschluss ist Grund genug, eine besondere Zeit langsam ausklingen zu lassen. Genauso wissen aber auch die „Langzeitstiller“ (die in unseren Breitengraden ja bereits alle Mütter sind, die also länger als sieben Monate stillen), dass sie gerne noch stillen möchten. Weil es eigentlich normal ist. Weil es der mütterlichen und kindlichen Gesundheit gut tut. Oder einfach weil es Mutter und Kind wichtig ist. Das muss also nicht bei jeder anstrengenden Phase im Babyalltag neu verhandelt werden. Denn Stillen ist genauso wenig an allem Schuld wie der Geburtsmodus oder die Marke der Tragehilfe. Also leben und leben lassen bzw. stillen und abstillen lassen, wann immer es Mutter und Kind auch gefällt.