Hebammengedanken zum Wochenbett in der Klinik

Weit über 90 Prozent aller Schwangeren entscheiden sich in Deutschland für eine Geburt in einer Klinik. Meistens, weil dies der für sie passendste und gewünschte Geburtsort ist. Manchmal allerdings auch, weil Alternativen wie ein Geburtshaus oder eine außerklinisch begleitende Hebamme in der Nähe verfügbar nicht sind. Für die meisten frisch geborenen Familien beginnt das Wochenbett also in der Klinik.

Bei einer ambulanten Geburt verlässt die Familie nach drei bis vier Stunden den Kreißsaal und geht direkt nach Hause. Welche Voraussetzungen und Vorbereitungen eine ambulante Geburt braucht habe ich in der Reihe Wochenbettwissen beschrieben. Ansonsten geht es rund zwei Stunden nach der Geburt vom Kreißsaal auf die Wochenbettstation. 

Das Wochenbett ist eine intime Zeit

Auf Wochenbettstationen gibt es meist Zweibettzimmer, aber auch einige Einzel- oder Familienzimmer, um dort die erste Wochenbettzeit zu verbringen. Selbst mit einer sympathischen, aber trotzdem ja in der Regel fremden Bettnachbarin kann es herausfordernd sein, diese besondere Wochenbettzeit in einem gemeinsamen Raum zu verbringen. Denn natürlich hat jede Wöchnerin, jedes Baby, jede Familie ihren ganz eigenen Takt – und das Tag und Nacht.

Das betrifft alle Bereiche vom Stillen über Besuch durch Familie und Freunde bis hin zum Toilettengang. Viele Frauen haben darum nach der Geburt das Bedürfnis, einen Raum ganz für für sich zu haben. Eben auch deshalb, weil das Wochenbett eine sehr intime Zeit ist. Je nach Geburtenaufkommen teilen sich manchmal auch drei Mütter und ihre Babys ein Zimmer in der Klinik. Keine idealen Voraussetzungen, um zum Beispiel in Ruhe zu schlafen, wenn das Baby schläft.

Bitte nicht stören

Dazu kommen die externen „Störungen“. Da werden Vitalzeichen ermittelt oder Untersuchungen bei Mutter oder Kind durchgeführt. Das Personal erfragt Essenswünsche,  trägt Tabletts rein und raus oder unterstützt beim Stillen oder dem Handling des Babys. Und und und.

Das Timing für all die Anlässe, weshalb das Zimmer betreten wird, kann sich oft nicht nach den individuellen Tages- und Nachtabläufen der Wochenbettfamilie richten. Es fokussiert viel mehr auf den klinischen Voraussetzungen und Zeitvorgaben.

Natürlich wird auf Wochenbettstationen versucht, bestmöglich mit diesen Herausforderungen umzugehen und möglichst wenig zu stören. Aber die Realität sieht oft anders aus. Vielleicht braucht die Zimmernachbarin wegen gesundheitlicher Schwierigkeiten viel Unterstützung und Pflege. Dann wird tagsüber aber auch nachts immer wieder Pflegepersonal hereinkommen.

Wochenbettbetreuung braucht Zeit

Oder Mütter erleben das Gegenteil: Dass nur selten jemand hereinkommt und es auch auf Nachfrage lange dauert, bis die passende Hilfe etwa beim Stillen kommt. Das hat dann entsprechende Folgen, weil es oftmals noch schwieriger ist, das Neugeborene zum Trinken zu animieren, wenn das optimale Zeitfenster verpasst wurde.

All dies passiert natürlich nicht, weil das Klinikpersonal nicht unterstützen möchte. Aber die Rechnung geht oftmals einfach nicht auf, wenn eine Gesundheits- und Krankenpflegerin oder eine Hebamme für zehn oder mehr Mütter und Kinder gleichzeitig zuständig sind. Gute Beratung und Anleitung kosten Zeit. Das ist im klinischen Wochenbett nicht anders als in der häuslichen Wochenbettbetreuung.

Auch in der Klinik braucht es Zeit und Raum, um zum Beispiel zuzuhören, wenn Geburten anders verlaufen sind als geplant oder um Probleme beim Stillen oder bei Rückbildungsprozessen zu lösen. Auch Empathie und einfühlsame Worte brauchen Zeit, wenn es darum geht, die elterlichen Kompetenzen zu stärken. Oder um den Eltern zu zeigen, wie sie ihr Baby lesen können und warum Langsamkeit auf dem Wickeltisch sinnvoll ist. Es braucht Zeit, Eltern von früh oder krank geborenen Babys zu begleiten. Es braucht Zeit für umfassende und gute Pflege von kranken Müttern.

Genug Personal ist ein Muss

Der Personalmangel im Kreißsaal setzt sich in den meisten Kliniken auf der Wochenbettstation fort. Da Babys nicht Tag für Tag gleichmäßig verteilt geboren werden, mag man auch Glück haben. Dann ist die Station gerade nicht komplett oder übervoll, so dass das Fachpersonal genug Zeit für alle und alles hat. Aber es ist dann eben Glückssache – wie es das schon im Kreißsaal ist, wenn man sich seine Hebamme nicht noch mit zwei oder drei anderen Frauen teilen muss.

Neben einer besseren personellen Ausstattung ist es sicher auch Zeit, die Strukturen von Wochenbettstationen anzuschauen. Oftmals dienen hier an die üblichen Stationsabläufen als Orientierung – es sind Stationen, auf denen kranke Menschen liegen. Die Wochenbettzeit aber ist in der Regel ein physiologischer Zeitraum und eben keine Krankheit. Es braucht oftmals also weniger Pflegeprozesse und dafür mehr individuelle Zuwendung und Beratung in dieser Zeit.

Und eben auch Ruhe zum Ankommen für Eltern und Kind. Eine Art Wochenbett-Hotel mit Zugang zu guter Beratung und Pflege je nach individuellem Bedarf würde dieser Lebensphase sicherlich gerechter werden.  Einzelzimmer mit Room-Service als Standard und einem Wochenbett-Wellnessbereich, der zum Beispiel Massagen für den vom Babytragen verspannten Nacken anbietet, ist sicherlich mehr eine Wunschvorstellung. Aber eine gute personelle Ausstattung ist ein absolutes Muss, um frisch geborene Familien angemessen in diesen so wichtigen Tagen nach der Geburt begleitet zu können.

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Kommentare

2 Antworten zu „Hebammengedanken zum Wochenbett in der Klinik“

  1. S
    Sina

    Je nach Klinik kann das Wochenbett genau so sein. Ja, auch mit der buchbaren Massage, habe ich genau so erlebt und feiere es bis heute.

  2. I
    Ines Menke

    …den Wochenbett-Wellness Bereich feier ich, super Idee! 🙂

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