Schlaf Baby, schlaf doch endlich!

Kaum ein Thema ist für Eltern so herausfordernd und über viele Jahre präsent, wie das Schlafverhalten des eigenen Kindes. Schließlich sind damit nicht nur Sorgen und Ängste um die kindliche Entwicklung, Gesundheit und das Wohlergehen verbunden. Der Kinderschlaf steht auch in Verbindung mit den eigenen Möglichkeiten zur Regeneration.

Wenn es Eltern gelingt, von Anfang an die Weichen für einen guten Familienschlaf zu stellen, ist dies eine Ressource, die durch die gesamten Elternschaftsjahre leiten kann. Denn der Schlaf von Babys, Kindern und selbst Jugendlichen ist anders als der von Erwachsenen. Darum birgt dieses Thema immer wieder Konfliktpotential, wenn wir es nicht ganzheitlich angehen und betrachten.

Das Schlafbuch für die ganze Familie

Viele Jahre lang wurde der Schlaf von Babys, Kindern und Jugendlichen defizitorientiert betrachtet: Es wurde davon ausgegangen, dass der Schlaf von Erwachsenen die gesunde Norm sei. Kinder sollen sich schnellstmöglich daran anpassen – notfalls mit Druck. Glücklicherweise wissen wir heute aus der Schlafforschung, dass es aus Sicht der kindlichen Entwicklung durchaus sinnvoll ist, dass Babys, Kinder und Jugendliche anders schlafen als Erwachsene. 

Babys, Kinder und Jugendliche schlafen anders

Betrachten wir beispielsweise den Schlaf von Neugeborenen, stellen wir fest, dass sich die meisten Neugeborenen quasi “ins Leben schlafen”. Sie schlafen durchschnittlich etwa 16 Stunden am Tag mit vier bis fünf Schlafphasen. Dieser Schlaf ist aus Sicht des Babys genau richtig: Die Welt, in die es hineingeboren wurde, ist grundlegend anders als alles, was es vorher im Uterus erlebt hat. Jede Sekunde erfährt das Baby neue Reize über Geruch, Tastempfinden, Gehör, Sehen.

Durch die vielen kleinen Schlafeinheiten hat das Baby die Möglichkeit, die Masse an neuen Informationen zu verarbeiten und das Gehirn im Schlaf an die neue Lebensumgebung anzupassen. Für Lernprozesse, Gedächtnisbildung und das emotionale Gleichgewicht eines Menschen ist besonders die Phase des REM-Schlafs wichtig.

Am Anfang des Lebens findet diese wichtige Schlafphase gleich am Anfang eines Schlafzyklus statt. Bei Erwachsenen liegt der REM-Schlaf am Ende eines Schlafzyklus. In diesem aktiven Schlafstadium sind Menschen aber auch leicht weckbar – wenn wir versuchen, das Baby abzulegen, sobald es die Augen geschlossen hat, wird es wahrscheinlich wieder aufwachen. 

Sicherheit geht immer vor

Dass Babys sich nicht einfach ablegen lassen und selbst größere Kinder unsere Nähe beim Schlaf suchen, ist ebenfalls eine sinnvolle Strategie, die nichts anderes als das Überleben dieser kleinen Menschen sichern soll. Das Baby ist – auch wenn es schon über einige Kompetenzen verfügt – dennoch recht schutzlos.

Es benötigt Nahrung nach Bedarf durch eine Person, die sich darum kümmert. Das Neugeborene kann gerade am Anfang des Lebens die Körpertemperatur noch nicht selbst ausreichend stabilisieren. Es muss von Ausscheidungen befreit werden, da es sich daraus noch nicht selbst wegbewegen kann. Das Baby ist also auf das Umsorgen angewiesen – gerade auch nachts.

In der Nähe einer erwachsenen Bezugsperson zu sein, gewährleistet die Versorgung, auf die das Baby angewiesen ist. Zudem ist es sinnvoll, wenn die Bezugsperson recht nah ist, damit sie schon auf Feinsignale des Babys eingehen kann. Wenn das Baby erst einmal lange schreien musste, um auf seinen Hunger aufmerksam zu machen, lässt es sich schwerer anlegen/füttern. Und es braucht länger, um beruhigt zu werden, als wenn es zeitnah versorgt wird. So kann es auch schneller wieder einschlafen und den wichtigen Schlaf konsumieren.

Schlafvereinbarkeit ist das Stichwort

Selbst jenseits der Babyzeit bedeutet Nähe zu den Bezugspersonen Schutz, beispielsweise wenn in der Kleinkind- und Vorschulzeit Alpträume drücken oder das Kind aufgrund der magischen Phase daran glaubt, dass Monster oder wilde Tiere nachts bedrohlich sein könnten.

Wir sehen also: Die wichtigste Zutat für einen guten Familienschlaf ist zunächst die Annahme, dass der Schlaf von Babys und Kindern in seiner Abweichung vom Erwachsenenschlaf durchaus seine Berechtigung hat. Deswegen lautet die Frage nach einem gesunden Familienschlaf nicht: “Wie bekomme ich das Baby oder Kind dazu, so zu schlafen, wie ich schlafe?”, sondern: “Wie können wir unsere unterschiedlichen Bedürfnisse in Balance bringen?”

Und hier liegt der eigentliche Knackpunkt unserer elterlichen Schlafprobleme, da unsere Gesellschaft schlechte Rahmenbedingungen für die Herstellung dieser Balance bietet. Wenn das Baby schläft, ruhen wir uns oft nicht selbst aus. Wir erledigen den Haushalt, überweisen Rechnungen, erledigen endlich mal wichtige Telefonate. Gerade das gesellschaftliche Ideal, dass eine gute Familie einen aufgeräumten und blitzblanken Haushalt haben muss, ist ein großer Störfaktor für Ruhe. Das gilt insbesondere für viele Mütter, auf denen das Ideal der ordentlichen Hausfrau und Mutter besonders lastet.

Alltag ohne stützende Gemeinschaft

Da wir so wenig Zeit in unserem Alltag für uns selbst und unsere Bedürfnisse haben, weigern wir uns, abends früh schlafen zu gehen. Wir wollen noch Partnerschaftszeit auf dem Sofa haben oder endlich mal ein Buch lesen, statt schlafen zu gehen. Überhaupt ist das Fehlen anderer erwachsener Bezugspersonen ein großes Problem. Wir leben als Menschen eigentlich in Gemeinschaft. Wir brauchen andere Menschen, die uns unterstützen und das Baby mal abnehmen. Oder um uns mit anderen auszutauschen und unser Bedürfnis nach sozialer Interaktion zu nähren.

Unser überfüllter und mit Aufgaben aufgeladener Alltag ohne stützende Gemeinschaft, der uns keine Zeit zum Ruhen oder gar Schlafen lässt, ist eines der größten Probleme. Mit dieser Aufgabenlast einher geht der große Mental Load von Familien. Man liegt abends im Bett und erinnert sich, dass man ja noch dieses hätte erledigen sollen und dringend noch an jenes denken muss morgen. Und Grübeleien lassen uns noch schwerer einschlafen.

Was uns aus diesem Problem herausführen kann, ist der Aufbau eines guten, stützenden Netzwerkes, damit Eltern, die aufgrund der Begleitung eines Babys weniger oder anders schlafen, möglichst viele zusätzliche Aufgaben abgenommen bekommen. Auch innerhalb der Partnerschaft müssen gute Absprachen getroffen werden, um Aufgaben gerecht zu verteilen. Dem abendlichen Aufgabendurchgehen im Bett kann etwas Abhilfe geschaffen werden, wenn Aufgaben tagsüber in einem Kalender oder auf einer To-Do-List vermerkt werden.

Aufgaben müssen raus aus dem Kopf aufs Papier. Sie müssen gerecht auf mehrere Schultern verteilt werden. Vor allem ist wichtig, dass wir uns selbst erlauben, uns auszuruhen, wann immer es geht. Wenn uns dies gelingt, können wir unseren Kindern nämlich auch mitgeben, wie wichtig und schön das Ausruhen ist. Und damit beginnen, die transgenerationale Weitergabe negativer Selbstfürsorgeeinstellungen zu durchbrechen.

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Kommentare

2 Antworten zu „Schlaf Baby, schlaf doch endlich!“

  1. M
    Maren

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, den ich als Dreifachmutter so unterschreiben würde. Das Einzige, womit ich nicht ganz konform bin, ist der (auch über das Schlafthema hinaus) Ansatz, dass man sich ein Netzwerk zur Entlastung schaffen soll, das sogenannte „Dorf“. Ich bin total der Meinung, dass die Gesellschaft Eltern nicht die Umgebung bietet, entspannt Kinder großzuziehen im Zerreißen zwischen Erwerbsarbeit, Partnerschaftszeit und Familie. Aber ich will mir ehrlich gesagt auch nicht noch ein Dorf aufbauen müssen. Es ist ja nicht so, dass man schwuppdiwupp Leute findet, die einen im Alltag unterstützen und das funktioniert einfach so. Meine Erfahrung ist, je mehr Unterstützung ich einbaue (durch Großeltern etc) desto anstrengender ist das Soziale, weil einfach noch mehr Faktoren hinzukommen. Entlastender finde ich tatsächlich feste Institutionen wie Kita und Schule (sofern Qualität gut), da hier die Grenzen klar sind und es eben nicht meine Freunde oder Verwanschaft ist, die auch Ansprüche hat, wo ich immer wieder Grenzen aushandeln muss, sondern die Grenzen sind schon recht fest gesteckt. Für so ein „Dorf“ im Privaten hätte ich einfach keine Energie und auch keine Lust, manche Leute so nah in unser Privatleben zu lassen, wie es für Entlastung nötig wäre. Diese „Lösung“, dass man ein Dorf braucht und dann wird es entspannter, ist glaube ich für viele nicht die Option der Wahl.

    1. H
      Heike Brudermüller

      Liebe Stephanie, vielen Dank für Deinen Beitrag. Es ist durchaus eine Frage der Definition, wie wir „Dorf“ auffassen: Für einige sind das Familie, Freundschaften, Nachbarschaft. Für andere sind Institutionen Teil des Dorfes – all das ist okay. Es ist sogar gut, wenn wir auch Institutionen als „Dorf“ auffassen, weil wir dann endlich weg kommen von Bezeichnungen wie „Fremdbetreuung“. Absprachen mit Familie und Freundschaften können durchaus auch mehr Last erzeugen, gerade wenn es um unterschiedliche Erziehungsansätze geht und wir müssen zusätzliche Energie in den Aufbau stecken. Gleichzeitig bestehen auch Probleme bei Institutionen, die eben auch schnell wegfallen können, wie wir es jetzt gerade erleben in der Kita-Krise.
      Wahrscheinlich wäre es hilfreich, wenn wir einfach unterstützende Netzwerke nach Bedarf haben, die für alle zugänglich sind. Das bedeutet, dass gegenseitige Hilfe viel selbstverständlicher ist und es gleichzeitig auch verlässliche, hochwertige Institutionen gibt.
      Es grüßt dich herzlich Susanne, als Teil des „Von guten Eltern“ Autorenteams.

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